Donnerstag, 28. September 2017

Ich bin nicht mein Schmerz - mein Mittel gegen Depression


Früher habe mich Menschen mit Depression ein wenig von oben herab angesehen. Mensch, kannst man sich nicht zusammenreißen? Wahrscheinlich wollte jemand da oben mir zeigen, dass man nicht kann, und Frau auch nicht. Wenn du hier unten bist, dann gibt es nichts zum Zusammenreißen, es ist schon alles zerrissen und du sitzt vor diesem Haufen und nein, du bist nicht einmal traurig. Selbst das ist dir egal. Man hat keine Kraft sich zusammenzureißen, wie nach einer OP oder schweren Krankheit fühlt man sich ausgelaugt und müde.
Und ja, man will auch nichts zusammenreißen (abgesehen davon, dass es eh nichts mehr zum Reißen gibt), weil eine riesige Unlust in das Haus der Seele einzieht. Du willst einfach nichts machen. Absolut nichts. Nach jedem Impuls folgt ein „Wozu?“.
- Normalerweise gehe ich um diese Zeit joggen, - denke ich.
- Wozu die Mühe? - fragt dabei eine andere Stimme.
- Für einen gesunden Körper, es tut den Muskeln und dem Kreislauf gut.
- Und wozu soll das gut sein?
- Um lange zu leben?
- Wozu?

Wozu lange leben, wenn alles in Grautönen erscheint, wenn einen nichts mehr erfreut, wenn alle Wahrnehmungen wie in Watte eingepackt sind. Ich fühle etwas, aber auch irgendwie nicht. So als ob man die Lieblingsmusik aus dem Nebenzimmer hört. Sie ist da, aber auch irgendwie nicht.
- Vielleicht ein warmes Bad?
- Wozu?
Und so geht das ständig. Als ob in mir ein grummeliges Monster sitzt und immerzu nur „Wozu“ sagt. Manchmal werde ich wütend auf diesen Miesepeter, aber auch der Zorn ist irgendwie klebrig und zäh. Ja, das ist wohl die beste Beschreibung für eine Depression: zäh. Als man dich mit dickflüssigem Honig übergossen hätte und jede Bewegung kostet unheimlich viel Kraft. Bis du den Arm vom Körper abgerissen hast, kleben die Finger der anderen Hand schon wieder zusammen. Und da alles so anstrengend ist, bevorzuge ich dann lieber gar nichts zu machen.
Wo wir beim Süßen sind, das ist die einzige Ausnahme zur Apathie und der Unlust auf alles. Süßzeug will ich immer und je übersüßer desto besser. Das gibt einem zumindest die Illusion, dass du lebst, dass Freude da ist, auch wenn sie flüchtig ist.
Unser Hund kam zu mir, Zeit zum Gassi gehen. Die Notwendigkeit sich um jemanden zu sorgen half zu überleben, sie erlaubte einem nicht komplett in der Apathie zu versinken. Dir geht es nicht gut, aber das Tier kann nichts dafür. Dank Wuffi bewegte ich mich zumindest ein wenig. Wir gingen bis zum Park und ich ließ den Hund von der Leine, damit er mit dem Terrier spielen kann, der fröhlich mit dem Schwanz wedelte, als er uns sah.
Wenn du immer wieder die gleichen Wege spazierst, dann kennst du irgendwann alle Hundehalter. Das Herrchen vom Terrier war ein alter Mann mit einem faltigen Gesicht, wo aber immer ein Lächeln wohnte. Er war dünn, wie ein trockener Baum, hielt den Rücken aber immer gerade. Das Lächeln wohnte nicht nur in seinem Gesicht, es war in jeder Bewegung, jedem Wort, das er sprach. Nie habe ich den Mann auf seinen Hund schreien gehört, selbst wenn das Tier sich wirklich daneben benahm.
- Darf ich? - fragte er und setzte sich neben mich. Die Hunde spielten auf der Wiese und ich nickte.
- Verzeihen Sie, es ist vielleicht unhöflich von mir, aber ich frage trotzdem. Geht es ihnen nicht gut? Ist was Schlimmes passiert? Sie sehen so zermartert aus.
Ich wollte schon mit der Ausrede abwinken, die ich allen auftischte. „Nein, alles in Ordnung, bin einfach nur müde. Ich schlafe schlecht.“ Doch sein ehrliches Mitgefühl berührte mich und ich antwortete:
- Ich weiß nicht, was passiert ist. Die Freude ist einfach weg, – fing ich zaghaft an und überlegte, ob ich weitererzählen soll.
- Die Freude ist weg? Also war sie vorher da, oder? - fragte der alte Mann und seine Augen strahlten Wärme aus.
- Ja, sie war da. Ich hatte Freude daran zu beobachten, wie die Kinder wachsen. Der Haushalt hat mir Freude gemacht, die Ehe, der Beruf, alles eben. Das Leben war wundervoll.
- Und jetzt ist es wunderleer? - fragte er schmunzelnd.
- Nein, die Wunder sind noch da, aber ich nehme sie nicht mehr wahr.
- Seit wann ist das so? Gab es einen Auslöser?
Ich kniff die Augen zusammen und dachte nach. Eine gewisse wiederkehrende Gereiztheit kannte ich von mir schon, aber diese paar Tage hormonell bedingtem PMS konnte man gut überbrücken. Dann schillerte das Leben wieder in all seinen prachtvollen Farben.
- Ich hatte große Pläne und als es sich nicht erfüllt hatte, war es schwer aus dem Loch hoch zu kommen, - fing ich an.
- Große Pläne, hm, interessant. Und das hat die Grauheit hervorgerufen?
- Nein, dann gab es eine Zeit, wo alles normal war. Lassen Sie mich mal nachdenken. Ungefähr von einem Monat habe ich bei einer Meditation angefangen zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Ein Schmerz zerfleischte mein Herz so sehr, dass ich dachte, nicht mehr atmen zu können.
- Ein Schmerz? Worum ging es?
Die Tränen sammelten sich wieder in den Augenwinkeln, doch ich sprach weiter:
- Ich habe als Kind etwas erlebt und dachte, es wäre mir gelungen die Erinnerungen daran in die hinterste Ecke des Bewusstseins zu drängen. Es war als ob ein doppelter Boden in einer Truhe sich zeigte und alle Gefühle kamen hoch.
Der alte Mann streckte mir ein Taschentuch entgegen und ich trocknete die Augen ab. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als ich den beim Spielen zusah. Aber irgendwie war das Lächeln schief und unecht.
- Ich mag es nicht, wenn man Weisheiten aus einem Buch zitiert, - sagte der Mann leise, - aber darf ich was dazu sagen?
In jedem von uns gibt es Ansammlungen von seelischem Schmerz – wie aus eigener Erfahrung, so auch aus der gemeinsamen Vergangenheit der Menschheit. Das ist der Schmerzkörper.“
Eckhart Tolle, „Die Stille spricht“, - erklärte er und holte ein abgegriffenes Buch aus der Jackentasche.
- Schmerzkörper, - wiederholte ich und dachte an mein wozu-wiederholendes Monster. - Und was macht der so, dieser Schmerzkörper?
- 99% der Zeit ist es passiv und wartet auf die nächste Fütterung mit Schmerz, den man auf verschiedene Weisen hervorrufen kann. Wenn man beleidigt ist, tut es weh. Wenn man gereizt oder wütend ist auch. Apathie und alte Erinnerungen schmecken ihm auch gut. Bei manchen Menschen ist der Schmerzkörper aber auch immer aktiv.
- Warum gibt es dieses Monster? - fragte ich und schluckte meine Tränen herunter.
- Warum? Ich weiß es nicht, - zuckte der Mann mit den Schultern. - Wahrscheinlich als Gegenteil zu Freude. Wenn es die gibt, dann muss es ein Pendant, einen Gegenspieler geben.
- Dann ist alles hoffnungslos? - seufzte ich.
- Nein, durchaus nicht. Es ist ein Spiel und der Schmerzkörper versucht Macht über einen zu bekommen, damit man entweder selbst Schmerzen empfindet oder jemandem anderen Schmerzen zufügt. Der Schmerzkörper kann bei den uns umgebenden Menschen negative Emotionen hervorrufen, besonders in denen, die einem sehr nah stehen.
- Bei ihnen hat mein so aktiver Schmerzkörper aber nichts hervorgerufen, - wunderte ich mich.
- Mein Schmerzkörper ist am Absterben.
Dabei rutschte meine rechte Augenbraue wohl so in die Höhe, dass der alte Mann verlegen wurde.
- Wie soll ich das erklären? - der alte Mann fing an, in dem Büchlein zu blättern. - Für mich ist dieser Zustand schon normal und ich weiß nicht mehr, wie ich angefangen habe. Ach, hier ist es!
Der Mann las und bewegte dabei die Lippen. Er hob die Augen zum Himmel, wiederholte lautlos etwas und dann drehte er sich zu mir um.
- Haben Sie Lust auf ein kleines Spiel? - fragte er mich. - Dann schließen Sie die Augen und machen Sie einen tiefen Atemzug. Fühlen Sie wie sich ihre Lungen ausdehnen. Fühlen Sie, wie mit dem Ausatmen alles Unnötige Ihren Körper verlässt. Fühlen Sie Ihren Körper. Richten Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit nach innen.
Meine Atmung wurde tiefer, die Schultern senkten und hoben sich im Takt dazu, der Bauch fiel ein und wurde wieder rund, meine komplette Wahrnehmung war auf meinen Körper gerichtet. Und da spürte ich Wärme in der Brust, die um mich herum etwas entstehen ließ, dass man schwer beschreiben kann. Ich fühlte mich wie ein Wärmestrahler.
- Das ist Ihr innerer Körper. Das sind Sie. Und der Schmerz, das sind nicht Sie. Sie haben einen Schmerz, aber sie sind es nicht, - sprach der alte Mann sanft.
Ich bin nicht mein Schmerz. Dieser Gedanke durchzuckte wie ein Blitz die Dunkelheit und mein Verstand wurde für einen Moment still. Ich bin nicht mein Schmerz, wiederholte ich wieder und wieder. Ich bin nicht meine Traurigkeit. Ich bin nicht meine Gereiztheit. Ich bin nicht meine Unlust. In mir drin fühlte ich eine Begeisterung aufsteigen, ich lächelte. Es ist schön alles anzunehmen, keinen Widerstand mehr zu haben. Ich hatte gelesen, dass Leid nicht durch den Schmerz entsteht, sondern durch die Abneigung, dadurch, dass wir versuchen diesen Schmerz zu vermeiden. Nun gewann diese Aussage eine neue Tiefe.
- Was ist das Geheimnis dabei? - schaltete sich in mir mein forschender Denker ein.
- Man muss in der Gegenwart sein können. Man muss lernen zum Beobachter zu werden. Solange wir unbewusst und unachtsam sind, solange wir hetzen und laufen, um alles erledigen zu können, beherrscht uns der Verstand. Wir lassen uns dann von den Schmerzansammlungen kontrollieren. Dann handeln wir aus Angst oder wir lassen uns von unseren Wünschen leiten. Wenn wir aus Angst handeln, dann befürchten wir etwas zu verlieren. Und jeder Wunsch ist das Bedürfnis sich noch voller zu fühlen. Beides ist eine Illusion. Wie kann man das verlieren, was tief in einem drin ist? Und wie kann dieses Grenzenlose noch voller werden?
Die Worte des Mannes wirkten nicht belehrend, sie waren wie ein lang ersehnter Regen in einer Dürreperiode.
- Die Vergangenheit ist längst vorbei, - fuhr er fort, - und wir können nicht an ihr ändern. Die Zukunft ist noch nicht da ist und es bringt nichts, wenn man düstere Prognose macht oder alles detailliert durchdenkt. Sobald man dies wirklich begriffen hat, hören die Gedanken auf, wie eine Horde wilder Affen auf den Zweigen zu turnen. Wir hören auf uns mit dem Schmerzkörper zu identifizieren.
- In der Gegenwart zu leben, das hört sich interessant an. Ist aber schwer, oder? - fragte ich.
- Nein, alles eine Frage der Übung. Anfangs fällt man immer wieder aus diesem Zustand heraus, dann gelingt es einem immer mehr im Hier und jetzt zu sein, - der alte Mann sah auf seine Uhr. - Ich bin zum Kaffee eingeladen und möchte mich nun verabschieden.
Er stand auf, verbeugte sich leicht nach einer altmodischen galanten Weise und ging seinen Hund holen. Mein Hund kam zu mir angerannt und stupste mit seiner feuchten Nase gegen meine Hand.
Auf dem Nachhauseweg ordneten sich das Wissen vom alten Mann zwischen den anderen Gedanken ein, es schob alles beiseite und vermehrte sich. Ich bin nicht mein Schmerz. Ich bin nicht meine Gefühle. Dann bin ich auch nicht meine Gedanken? Ich bin nur ein Beobachter?
Wenn mir jemand früher den Mittelweg vorgeschlagen hätte, wäre ich nie darauf eingegangen. Dieser überschäumenden Freude zu entsagen? Dieser wundervollen Euphorie? Niemals! Nun verstand ich, dass nach jedem Hoch ein Tief kam. Und je höher das Hoch war, desto tiefer war das Tief.
Dabei darf man lernen diesen Zustand von „Alles ist gut“ zu genießen. Nicht himmelhochjauchzend und auch nicht zu Tode betrübt. Eine ruhige Glückselligkeit, von ihr gibt es keine Ausschläge nach unten oder nach oben.
Ich bin nicht mein Schmerz. Hey, du Monster! Hörst du mich? Ich lasse mich von dir nicht mehr leiten. Ich werde nicht gegen dich kämpfen, nein, ich kenne einen widerstandslosen Weg. Ich werde dich einfach beobachten. Ich werde dir sagen: Du bist nicht ich und ich bin nicht du. Und du wirst von alleine gehen.
Wenn du mich verlassen hast, dann wirst du auch in den mich umgebenden Menschen keinen Schmerzkörper aktivieren können. Ich werde ihnen vom Wesen des Schmerzkörpers erzählen und sie werden sich von dir auch verabschieden. Hoffe ich. Und wenn nicht, dann so darf jeder seinen freien Willen leben.

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