Freitag, 24. Juli 2015

Der Archivar und der Freigeist - Teil 1

- Und glaub ja nicht, dass ich zurück kommen werde! Ich hasse dich! - schrie Natalie wütend als sie die Tür hinter sich zuschlug. Sie schmiss sich die Tasche auf die Schulter und stapfte die Treppe runter. Warum passiert das jedes Mal? Warum? Zuerst scheint es ein toller Typ zu sein und dann ist es aber genau so einer, wie der vorherige Kandidat. In solch düsteren Gedanken stolperte Natalie auf der vorletzten Stufe und purzelte runter. Gelandet war sie aber mit einem Aufschrei nicht vor der Ausgangstür, sondern im dunklen Keller. War sie so in Gedanken, dass sie eine Treppe zu viel runter gelaufen ist, den Ausgang verpasst hat und weiter runter gegangen war?

Gottchen ist es dunkel hier! Natalie versuchte das Treppengeländer zu ertasten, aber das misslang ihr. Weder eine Treppe, noch ein Geländer. Nicht einmal Wände. Böse Geschichte! Oh, was leuchtet denn da? Kann man da vielleicht raus? Wie lange sie ging, war schwer zu urteilen, denn sie bewegte sich langsam und unsicher. Und der Boden ist auch noch so uneben. Das Licht kam von einem Türspalt und Natalie öffnete die Tür vorsichtig. Ein langer Korridor, Regale mit Kisten und Mappen und irgendwo im hintersten Winkel brennt eine Lampe auf einem Tisch. Natalie ging auf sie zu und sah, dass es gar kein Korridor ist, es gibt sehr wohl Gänge zwischen den Regalen und dort weitere Reihen von Regalen voll mit Kisten und Mappen. Meine Güte, was ist das bloß?


Am Tisch saß zusammen gekauert ein junger Mann, dürr, große Brille, seine dünnen, langen Finger waren richtig auffällig. Er sah Natalie kurz an und schrieb weiter etwas in seinem Heft.
- Verzeihung, können Sie mir helfen? Ich glaube, ich habe mich verlaufen, - sagte Natalie unsicher.
- Verlaufen? So kann man es auch nennen. Wohin wolltest du? - fragte der junge Mann.
- Nach Hause.
- Und wo ist das?
- Ich weiß nicht. Ich habe in diesem Haus mit jemandem zusammen gewohnt. Wahrscheinlich gehe ich zu meiner Mutter oder zu einer Freundin.
- Aha, das notieren wir auch so.
- Was denn? - wunderte sich Natalie.
- Noch eine Enttäuschung, - sagte der junge Mann trocken.

Natalie sah verwirrt Richtung Ausgang. Soll sie vielleicht nach einer Taschenlampe fragen?
- Ich bin Natalie und du? - fragte sie etwas schüchtern.
- Archivar, - stellte sich der junge Mann vor und hob seine entzündeten roten Augen hoch.
- Ich weiß, wer du bist. Ehrlich gesagt, bin ich verwundert dich hier zu sehen. Du hast anscheinend keine Ahnung, wo du bist, - fuhr er fort.
- Und wo bin ich? - fragte Natalie erschrocken.
- In deinem eigenen Kopf, - sagte der Archivar und klopfte sich mit dem Finger an den Kopf.
Nichts wie weg hier, der spinnt doch, dachte Natalie.

- Guten Abend, - hörte sie, als sie sich umgedreht hatte.
- Abend, - stammelte Natalie und setzte sich vor Überraschung auf die Tischkante.
- Archie, wie kommt sie hierher? - fragte eine Männerstimme aus einer dunklen Ecke.
- Woher soll ich das wissen? - brummte der Archivar.
Aus der Dunkelheit kam ein Mann in beigefarbenen Leinenhosen und einem genau solchen Jacket.
- Und wer sind sie? - fand Natalie endlich die Kraft zum Fragen.
- Der Freigeist, - stellte sich der Mann vor und verbeugte sich ganz leicht.
- Darf ich ein Glas Wasser? - bat Natalie. Ihr war irgendwie mulmig zumute.

Der Mann im Anzug schnippte mit den Fingern und streckte ihr ein Glas entgegen. Natalie roch daran und trank das Wasser langsam aus.
- Ich muss gehen, - schob sie aus sich heraus.
- Wohin? - fragte der Mann.
- Wahrscheinlich nach Hause.
- Gut. Um zu wissen, wie man irgendwohin kommt, muss man wissen, wo man ist. Auch ein Navi braucht nicht nur ein Ziel, sondern auch den jetzigen Standpunkt. Verstehen Sie, wo sie sind?
- Im Keller? - vermutete Natalie.
- Im gewissen Sinne, ja, - lächelte der Mann.
- Das ist das zehnte Level vom Unterbewusstsein. Ziemlich tief.
- Zehntes Level von was? - hob Natalie die Augenbrauen.
- Hier bist du, du unverständliches Ding, - klopfte sich der junge Mann an die Stirn.

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