Montag, 27. Juli 2015

Der Archivar und der Freigeist


Ursprünglich hiess sie Nastja, ich dachte an Anpassung und es wurde Natalie daraus. Ist ja mein Märchen, darf es übersetzen, wie ich will. Dann fand ich aber, dass es schade um den Namen ist. Hier also das ganze Märchen.

- Und glaub ja nicht, dass ich zurück kommen werde! Ich hasse dich! - schrie Nastja wütend als sie die Tür hinter sich zuschlug. Sie schmiss sich die Tasche auf die Schulter und stapfte die Treppe runter. Warum passiert das jedes Mal? Warum? Zuerst scheint es ein toller Typ zu sein und dann ist es aber genau so einer, wie der vorherige Kandidat. In solch düsteren Gedanken stolperte Nastja auf der vorletzten Stufe und purzelte runter. Gelandet war sie aber mit einem Aufschrei nicht vor der Ausgangstür, sondern im dunklen Keller. War sie so in Gedanken, dass sie eine Treppe zu viel runter gelaufen ist, den Ausgang verpasst hat und weiter runter gegangen war?

Gottchen ist es dunkel hier! Nastja versuchte das Treppengeländer zu ertasten, aber das misslang ihr. Weder eine Treppe, noch ein Geländer. Nicht einmal Wände. Böse Geschichte! Oh, was leuchtet denn da? Kann man da vielleicht raus? Wie lange sie ging, war schwer zu urteilen, denn sie bewegte sich langsam und unsicher. Und der Boden ist auch noch so uneben. Das Licht kam von einem Türspalt und Nastja öffnete die Tür vorsichtig. Ein langer Korridor, Regale mit Kisten und Mappen und irgendwo im hintersten Winkel brennt eine Lampe auf einem Tisch. Nastja ging auf sie zu und sah, dass es gar kein Korridor ist, es gibt sehr wohl Gänge zwischen den Regalen und dort weitere Reihen von Regalen voll mit Kisten und Mappen. Meine Güte, was ist das bloß?

Am Tisch saß zusammen gekauert ein junger Mann, dürr, große Brille, seine dünnen, langen Finger waren richtig auffällig. Er sah Nastja kurz an und schrieb weiter etwas in seinem Heft.
- Verzeihung, können Sie mir helfen? Ich glaube, ich habe mich verlaufen, - sagte Nastja unsicher.
- Verlaufen? So kann man es auch nennen. Wohin wolltest du? - fragte der junge Mann.
- Nach Hause.
- Und wo ist das?
- Ich weiß nicht. Ich habe in diesem Haus mit jemandem zusammen gewohnt. Wahrscheinlich gehe ich zu meiner Mutter oder zu einer Freundin.
- Aha, das notieren wir auch so.
- Was denn? - wunderte sich Nastja.
- Noch eine Enttäuschung, - sagte der junge Mann trocken.

Nastja sah verwirrt Richtung Ausgang. Soll sie vielleicht nach einer Taschenlampe fragen?
- Ich bin Nastja und du? - fragte sie etwas schüchtern.
- Archivar, - stellte sich der junge Mann vor und hob seine entzündeten roten Augen hoch.
- Ich weiß, wer du bist. Ehrlich gesagt, bin ich verwundert dich hier zu sehen. Du hast anscheinend keine Ahnung, wo du bist, - fuhr er fort.
- Und wo bin ich? - fragte Nastja erschrocken.
- In deinem eigenen Kopf, - sagte der Archivar und klopfte sich mit dem Finger an den Kopf.
Nichts wie weg hier, der spinnt doch, dachte Nastja.

- Guten Abend, - hörte sie, als sie sich umgedreht hatte.
- Abend, - stammelte Nastja und setzte sich vor Überraschung auf die Tischkante.
- Archie, wie kommt sie hierher? - fragte eine Männerstimme aus einer dunklen Ecke.
- Woher soll ich das wissen? - brummte der Archivar.
Aus der Dunkelheit kam ein Mann in beigefarbenen Leinenhosen und einem genau solchen Jacket.
- Und wer sind sie? - fand Nastja endlich die Kraft zum Fragen.
- Der Freigeist, - stellte sich der Mann vor und verbeugte sich ganz leicht.
- Darf ich ein Glas Wasser? - bat Nastja. Ihr war irgendwie mulmig zumute.

Der Mann im Anzug schnippte mit den Fingern und streckte ihr ein Glas entgegen. Nastja roch daran und trank das Wasser langsam aus.
- Ich muss gehen, - schob sie aus sich heraus.
- Wohin? - fragte der Mann.
- Wahrscheinlich nach Hause.
- Gut. Um zu wissen, wie man irgendwohin kommt, muss man wissen, wo man ist. Auch ein Navi braucht nicht nur ein Ziel, sondern auch den jetzigen Standpunkt. Verstehen Sie, wo sie sind?
- Im Keller? - vermutete Nastja.
- Im gewissen Sinne, ja, - lächelte der Mann.
- Das ist das zehnte Level vom Unterbewusstsein. Ziemlich tief.
- Zehntes Level von was? - hob Nastja die Augenbrauen.
- Hier bist du, du unverständliches Ding, - klopfte sich der junge Mann an die Stirn.

Nastja kam es so vor, als ob sie sich auf einem Schiff bei starkem Sturm befindet, der Boden versuchte ihr unter den Füßen zu entfliehen.
- Ruhig. Atme tiefer. Ein und aus, genau so, gutes Mädchen. Also, das ist das zehnte Level, das ist der Archivar und ich bin der Freigeist. Was davon verstehst du nicht?
- Wahrscheinlich alles.
- Dann mach mal eins nach dem anderem, - schulg der Mann vor und setzte sich reitlings auf einen Stuhl hin.
- Wer ist der Archivar? - fragte Nastja.
- Was meinst du? Was er macht? Wie alle Archivare sammelt er Daten. Sieh mal wie viele es sind. Hier sind alle deine Erinnerungen, alle deine Überzeugungen.
- Zum Beispiel?
- „Männern kann man nicht vertrauen“.
- Ja, das stimmt. Und nicht umsonst denke ich so. Ich habe noch keinen einzigen Mann getroffen, dem ich vertrauen konnte, - gab Nastja zu.

Der Freigeist lächelte.
- Richtig, denn alle deine Überzeugungen grenzen dich ein. Wenn du an etwas nicht glaubst, dann kann es auch nicht geschehen. Wenn du überzeugt bist, dass alle Männer Missgeburten sind, dann wirst du auch nur solchen begegnen.
- Und warum glaube ich daran? - dachte Nastja laut nach.
- Super Frage! - lobte der Freigeist. - Weil du du so eine Erfahrung gemacht hast. Unser Archie, der ist ein toller Typ, denk dir nichts. Er sortiert alle Informationen sehr sorgfältig und findet so alles sehr schnell. Wenn du kein einziges normales Paar gesehen hast, keine einzige normale Beziehung, dann weißt du auch gar nicht, dass es anders sein kann.
- Und was nun? Ausweg lose Situation? - fragte Nastja bedrückt.
- Auf keinen Fall! Du kannst dir einfach vorstellen, wie ideale Beziehungen sein können. Stell dir die Frage: Was, wenn alles möglich ist? Ist übrigens meine Lieblingsfrage. Ich liebes sie!

«Was wäre, wenn alles möglich wäre?»
Eine originelle Frage. Sie gibt einem die Freiheit zum Fliegen. Alles möglich? Dann wird es in einer Beziehung harmonisch sein, der Partner wird sie unterstützen, wird sich dafür interessieren, was sie macht und sie werden Gedanken austauschen.
- Wundervoll! Eine geniale Vision! Jetzt musst du nur noch daran glauben, - lobte der Freigeist.
- Hör mal, woher nimmt der Archivar eigentlich Überzeugungen? - fing Nastja plötzlich Feuer..
- Von überall her, - antwortete der Freigeist mit einem Lächeln auf den Lippen. Zuerst glaubst du ja gar nicht, dass es irgendwelche Begrenzungen gibt. Die Kinder leben und freuen sich. Dann geht es los: So darfst du reagieren und so nicht. Das ist möglich und das nicht. Das ist real und das ist naiv. Und so weiter. Eltern, Erzieher, Lehrer, Freunde, Verwandte, Massenmedien – alle sind beteiligt. Und sie machen das nicht mit böser Absicht, sie glauben an etwas und möchten das weiter geben.

Es wurde heller oder kam es Nastja nur so vor? Und tatsächlich sie waren schon gar nicht beim Tisch, sondern standen auf einer sonnen überfluteten Lichtung.
- Wie sind wir hierher gekommen? - wunderte sich Nastja.
- Keine Ahnung, - gab der Freigeist zu. - Aber hier gefällt es mir viel besser.
- Mir auch, - bestätigte Nastja.
- Zurück zum Thema. Wenn du diesen Fehler nicht auch machen willst, dann vergiss dein „Ich habe Recht, die anderen nicht.“ Frag dich lieber: Welche Sicht der Dinge ist jetzt für mich und alle Beteiligten am besten?
- Das ist eine interessante Frage, danke, merke ich mir. Erzählst du mir noch mehr?
- Weisst du, was der Unterschied zwischen einer Entscheidung und einer Wahl ist?

Nastja schüttelte den Kopf.
- Wenn du dich entscheidest etwas zu tun, dann nimmst du eine von den dir bekannten Varianten. Stimmt's? Das kenne ich und das auch. Zum Beispiel: Dein Chef brüllt dich an. Man kann zusammen kauern, man kann rot werden, man kann weinen. Das ist deine Entscheidung. Und wenn du eine Wahl triffst, dann ist viel mehr möglich. Du weißt nicht, wie es richtig ist, aber du weißt, dass man es besser machen könnte. Fühlst du den Unterschied?
- Ich glaube ja. Wird mir das helfen einen passenden Partner zu finden?
- Hast du ihn denn noch nicht gefunden? - wunderte sich der Freigeist?
- Möchtest du noch eine nützliche Info? Was glaubst du, wie viel nimmst du bewusst von deiner Umgebung wahr? Wie viel Prozent?
- Ich weiß es nicht. Vielleicht 50. Ich habe mal gelesen, dass wenn wir 100% wahrnehmen würden, würden wir an Reizüberflutung leiden.
- Richtig. Alle Gerüche, jedes einzelne Geräusch, alle dich umgebende Gegenstände. Du würdest jede Sekunde die Kleidung auf deiner Haut spüren, würdest fühlen, wie in deinem Körper Zellen sterben und neue entstehen. Aber es sind nicht 50, sondern nur 0,0003%.

Nastja weitete die Augen.
- Das kann nicht sein!
- Und wie! Weißt du, was das heißt? Aus Tausend dich umgebenden Gegenständen, nimmst du nur drei bewusst wahr. Und wie viele von den Tausend Eigenschaften eines bestimmten Menschen siehst du?
Nastja klinkerte erstaunt mit ihren Augen.
- Das bedeutet, dass es keinen Sinn hat, den Partner zu wechseln? Ich werde nur das sehen, was ich im Stande bin zu sehen?
- Das was du sehen willst, - korrigierte der Freigeist.
- Nastja! - hörten sie auf einmal eine bekannte Stimme von oben.
- Oh, ich glaube unsere Lektion ist für heute beendet. Vergiss nie, wir sind immer bei dir. Der Archivar und der Freigeist und du wählst, wer dich führt.

Jemand schüttelte Nastja stark an den Schultern und als sie abrupt die Augen aufschlug sah sie das Treppenhaus und den Mann, der die Ursache des Schüttelns war.
- Andrej? - fragte Nastja.
- Nastja! Hast du mir einen Schrecken eingejagt. Zugegeben, ich war sehr wütend auf dich, aber als ich hörte wie etwas die Stufen runter polterte und dich hier sah…
Er ist erschrocken, wunderte sich Nastja. Aha, er kann auch erschrocken sein. Recht hatte der Freigeist, das hat sie einfach nicht gesehen. Was hat sie wohl noch nicht sehen wollen?

Ach so, das Original ist hier.
Und danke an Veit Lindau, der mich zu dieser Geschichte mit seinem Kurs LoveRevolution inspiriert hat.

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