- Na, grollst du mal wieder vor dich hin? - fragte eine sanfte Stimme.
Oh,
meine süße graue Katze! Wie sehr ich sie vermisst habe! Dieses
geheimnisvolle Wesen, das mit mir spricht. Eine sprechende Katze? Das
hätte mich noch vor einer gewissen Zeit durch einander gebracht,
aber nun, nun war es etwas ganz normales. Nein, es war etwas
außergewöhnliches, aber trotzdem nicht mehr zum Davonspringen.
-
Grollen? Hm, weiß nicht, - antwortete ich.
- Was
ist es dann? - schnurrte sie leise.
- Naja,
ich bin sauer. Sauer auf meinen Mann, sauer auf mich, sauer auf alle.
- Auf
alle? Wen zum Beispiel? - hackte die Katze nach.
- Meine
Eltern, - gab ich unwollend zu.
- Wieso?
Was wirfst du ihnen vor?
- Mein
Vater, der war nie da für uns, für mich. Da wo ich Schutz gebraucht
hätte. Und Aufmerksamkeit. Und meine Mutter, die hat mir ein
falsches Frauenbild vermittelt.
-
Falsches Bild?
- Naja,
sie hat immer gepowert, hat sich nie wirklich geliebt, war immer nur
für andere da.
Die
Katze antwortete nichts, ich schwieg auch.
- Ich
kann helfen, - sagte schließlich die Katze.
- Ich
weiß, - antwortete ich.
- Gut,
dann bring bitte eine Kerze und Streichhölzer.
Welche
soll ich nehmen? Diese dicke oder diese schlanke mit dem schönen
Halter, überlegte ich kurz und nahm dann doch die dicke, pinke mit
Marmormusterung.
- Stelle
die Kerze auf den Tisch, - sagte die Katze, als ich zurück kam.
- Zünde
sie an, - leitete sie weiter an. - Und bitte darum, die perfekten
Heiler zu bekommen.
Ich tat
alles so, wie sie es gesagt hatte. Und wie erstaunt war ich da, als
ich als Antwort bekam „Du hast sie schon.“
- Was
soll das heißen? - wunderte ich mich.
- Na, du
hast schon die perfekten Heiler bekommen, - lächelte die Katze.
- Die
Menschen, die dich am meisten berühren, sind deine perfekten Heiler,
- erklärte sie, als sie sah, dass ich nicht verstand, was sie
meinte.
- Gut,
nun bitte um die Weisheit sie zu erkennen.
- Ich
glaub, die habe ich auch schon. Gerade eben dank dir, - grinste ich.
- Dann
bitte jetzt um den Mut, sie willkommen zu heißen.
- Aber
das geht doch nicht, die sind eh schon da. Wie soll ich sie noch
willkommen heißen? - verstand ich wieder nicht.
Die
Katze leckte sich seelenruhig die Tatze und sah mich dann an.
- Sie
sind da, aber sind wie ungebetene und ungewünschte Gäste. Begrüße
sie herzlich, umarme sie, bitte sie an den Tisch.
- Ja, da
hast du Recht, das braucht Mut und auch geistige Intelligenz. Das
Wissen, dass es so besser ist.
- Und
nun, bitte um das Vertrauen, die Heilung geschehen zu lassen.
Heilung?
Wieso das denn? Ich dachte, ich soll Groll loslassen?
- Dein
Groll ist wie das Salz, das du auf eine offene Wunde streust. Lässt
du ihn weg, kannst du nüchtern fühlen, was da ist. Wie groß die
Wunde ist, - erklärte die Katze.
- Ich
verstehe, - nickte ich.
- War es
das? Ritual zu Ende? - fragte ich.
- Nein,
noch nicht. Sieh bitte die Kerzenflamme an, lass dich vom Feuer
berühren.
Ich tat
es und hatte das Gefühl, dass ich in dieser Flamme aufgehe. Ich
fühlte mich wie das Wachs der Kerze, weich und formbar.
- Gut,
sehr gut, - lobte mich die Katze.
- Du
hast deinen Eltern gegenüber Gefühle, die du unterdrückt hast. Es
ist bei euch Menschen immer so. Entweder unterdrückt ihr sie oder
ihr lebt sie zügellos.
- Und?
Ist es falsch? - fragte ich empört.
- Es
gibt kein falsch und kein richtig. Entweder tut dir etwas gut oder es
tut dir nicht gut.
- Gut,
und was wäre gut für mich?
- Die
Gefühle fühlen, aber bewusst fühlen.
- Klingt
unmöglich, - wehrte ich ab.
Die
Katze sah mich eindringlich an.
- Gibst
du nicht zu schnell auf? Bist du sicher, dass es nicht geht? Stell
dir vor, du bist ein Gasthaus und die Gefühle sind deine Gäste. Sie
kommen rein und erzählen ihre Geschichten. Und du hörst sie an und
glaubst ihnen aber nicht.
- Warum
nicht? - staunte ich.
- Weil
ein Gefühl immer flüchtig ist. Der Schmerz entsteht erst, wenn du
eine Situation damit verbindest, also eine Geschichte. Das Gefühl
nimmst du wahr, aber seine Geschichte, über die darfst du einfach
weise lächeln.
- Okay,
und wie geht das konkret? - fragte ich ungeduldig.
- So
kenne ich dich, immer weiter, - schmunzelte die Katze.
Sie sah
mich prüfend an, überlegte wohl, ob ich soweit bin.
-
Konzentriere dich auf die Flamme und öffne deine Türen. Öffne dich
den Gefühlen gegenüber, die du immer ausgesperrt hast. Du hast sie
auf deinem Hof gesehen, du hast sie aber nie ins Haus gelassen. Weißt
du, welche es sind?
Ich
nickte und fühlte, wie sich in den Augenwinkeln Tränen bildeten.
- Werde
dir bewusst, der da anklopft. Sprich es aus, - leitete mich die Katze
an.
Ich
zögerte. Es war, als ob ich meine Hand ins Feuer halten muss. Man
hat Angst, dass es weh tun wird. Es ist heiß, brennend heiß.
- Hab
Mut sie willkommen zu heißen und Vertrauen, dass die Heilung
geschehen wird, - sprach die Katze aufbauend auf mich ein.
Ruhig,
ganz ruhig. Weiteratmen, nicht den Atem anhalten. Vorsichtig die Tür
aufmachen. Oh, das sitzen ja tatsächlich Gäste an einem Lagerfeuer
im Hof. Sie schauen verwundert zu mir hoch, sie sind es gewohnt
draußen zu bleiben, sie hoffen schon kaum, dass sie rein gelassen
werden. Ich stellte mich in die Tür und zwang mich zu einem Lächeln.
Dann trat ich zur Seite und bat alle mit einer einladenden Geste
hinein. Sie kamen tuschelnd herein und setzten sich auf die weichen
Kissen im großen Gastraum.
- Was
siehst du? - fragte mich die Katze und holte mich zurück ins
Bewusstsein.
- Gäste,
viele Gäste. Ich habe ein orientalisches Gasthaus, nicht reich und
nicht arm, so mittelmäßig. Habe doch einige Teppiche an den Wänden
und auf dem Boden liegen viele weiche Kissen. Ich serviere Tee in
Schalen und bieten ihn den Gästen an.
- Gut,
dann lass jetzt den ersten seine Geschichte erzählen. Erlaube dir
dieses Gefühl zu fühlen. Öffne dich ihm ganz weit.
Ich
seufzte und tat es doch. Eine ganz feine Dame mit reichem Schmuck und
teurem Seidenschleier. Sie sah so aus, als ob sie alles im Leben
erreicht hätte, als ob sie viel Einfluss hätte.
- Sei
gegrüßt, werte Frau, - fing ich an.
-
Erzähle uns von dir, erzähle uns deine Geschichte, - bat ich
höfflich.
- Ich
bin das Gefühl nicht ernst genommen zu werden, - sagte sie mit
fester Stimme.
- Glaube
ihre Geschichte nicht, - flüsterte die Katze.
- Aber
hör ihr zu, nimm sie wahr, fühle das, was kommt, - setzte sie noch
leise hinzu.
-
Erzähle bitte weiter, - bat ich die feine Frau.
- Ich
habe viel in meinem Leben erreicht, ich bin vom hässlichen Entlein
zum schönen Schwan geworden. Ich habe mir alle Künste der
Weiblichkeit selbst angeeignet. Meine Mutter hatte dafür nie was
übrig, - erzählte sie würdevoll und man spürte den Stolz in ihrer
Stimme.
- Glaub
ihr nicht, - zischte leise die Katze, die auf einmal neben mir auf
dem Teppich in diesem Gasthaus aus 1001 Nacht saß.
Gut,
wenn ich die Spelze weg schäle, was bleibt übrig? Das Gefühl nicht
ernst genommen zu werden. Ich fühle mich nicht ernst genommen.
- Ich
kann es nicht. Es geht irgendwie nicht, - winselte ich.
- Du
hast dich auch sehr lange vor dem Gefühl geschützt, - beruhigte
mich die Katze.
- Hol
doch einfach eine Situation dazu. Wo fühlst du dich nicht ernst
genommen? - gab sie mir zur Hilfestellung.
Ich
schloss die Augen und nahm aus der Schatzkiste der Erinnerungen eine
passende Situation heraus. Ich streifte mir dieses Gewand über und
war wütend.
- Ich
spüre nur Wut, - sagte ich enttäuscht.
- Du bist wütend auf denjenigen, der dich nicht ernst nimmt. Sei geduldiger, - riet mir die Katze.
Ich schloss wieder die Augen und legte mir ein kostbares Geschmeide aus der Erinnerungskiste an. Ich rede, ich erzähle was, ich sehe eine andere Sicht und der andere nimmt mich nicht ernst. Sie will nicht sehen, dass ich auch was weiß. Sie fühlt sich unwohl damit. Sie will nicht die Rolle aufgeben, in der sie höher steht und es besser weiß. Es schmerzt zwar, dass sie mich nicht ernst nimmt, aber etwas anderes übertönt diesen Schmerz. Mitgefühl. Sie tut mir Leid. Sie hält sich an etwas veraltetem fest, sie glaubt an etwas, was schon längst nicht mehr so ist. Armes Ding, sie hat es auch nicht einfach. Sie möchte auch gerne Einfluss haben. Einfluss auch auf mich. Aber sie hat keine Macht mehr über mich. Sie sieht nicht ein, dass sie bei mir nur noch als Freundin was erreichen kann. Dann höre ich auf sie, dann mache ich es so, wie sie es mir rät.
- Du bist wütend auf denjenigen, der dich nicht ernst nimmt. Sei geduldiger, - riet mir die Katze.
Ich schloss wieder die Augen und legte mir ein kostbares Geschmeide aus der Erinnerungskiste an. Ich rede, ich erzähle was, ich sehe eine andere Sicht und der andere nimmt mich nicht ernst. Sie will nicht sehen, dass ich auch was weiß. Sie fühlt sich unwohl damit. Sie will nicht die Rolle aufgeben, in der sie höher steht und es besser weiß. Es schmerzt zwar, dass sie mich nicht ernst nimmt, aber etwas anderes übertönt diesen Schmerz. Mitgefühl. Sie tut mir Leid. Sie hält sich an etwas veraltetem fest, sie glaubt an etwas, was schon längst nicht mehr so ist. Armes Ding, sie hat es auch nicht einfach. Sie möchte auch gerne Einfluss haben. Einfluss auch auf mich. Aber sie hat keine Macht mehr über mich. Sie sieht nicht ein, dass sie bei mir nur noch als Freundin was erreichen kann. Dann höre ich auf sie, dann mache ich es so, wie sie es mir rät.
- Es
geht nicht, - sage ich schließlich. - Ich kann dieses Gefühl nicht
vollkommen fühlen.
- Und ob
es geht. Du hast gerade das Wunder der Verwandlung erlebt. Aus dem
Schmerz wegen nicht ernst genommen werden ist Mitgefühl für das
Gegenüber geworden. Sehr gut, - lobte die Katze.
- Was
ist mit deinen anderen Gästen? - fragte die Katze ohne Pause zu
machen.
Ich sehe
mich um. Viele sind vom warmen Tee aufgeweicht worden und sind
eingeschlafen. Alle? Nein, ein Gast sitzt noch am kleinen Tischchen
und schaut gedankenverloren aus dem Fenster.
-
Möchtest du noch einen Tee? - frage ich vorsichtig.
- Nein,
danke, - entgegnet er.
Es ist
ein Mann in einem langen und dunklen Gewand. Das Gesicht verschleiert
mit einem Tuch, das aus dem Turban von dem Kopf runter hängt. Seine
von Falten zerfurchte Hand öffnet das Tuch, jetzt hängt es um sein
Gesicht. Oh, was für ein Gesicht. Tiefe Falten, viel Schmerz prägt
die Struktur.
-
Erzähle mir deine Geschichte, - bitte ich fast tonlos.
- Ich
wurde viel allein gelassen, verlassen, im Stich gelassen. Ich habe
oft nach Schutz gesucht und ihn nicht gefunden, - sagt er mit kalter
Stimme. Gefühlskalt. Ohne jegliche Gefühle. Er spricht nicht viel,
verstehe ich, als er nicht weiter redet. Er zeigt seine Gefühle
nicht, er weiß nicht wie es geht. Keiner hat ihm das beigebracht.
Ich
sitze regungslos da, Tränen laufen mir übers Gesicht. Allein
gelassen. Im Stich gelassen. Schutz gesucht und nicht gefunden.
Verlassen. Nicht gebraucht. Die brauchen mich nicht, aber ich will,
dass sie es tun. Ich will, dass sie mir zeigen, wie wichtig ich für
sie bin. Wie wertvoll. Dass meine Wünsche und Bedürfnisse auch Raum
haben. Dass sie da sein dürfen. Auch wenn sie nicht erfüllt werden
können. Dass sie da sind für mich. Für meine Sorgen und für meine
Gedanken. Dass sie mir zuhören. Dass sie mich wahrnehmen. Dass sie
verstehen, das meine Sorgen auch wichtig sind. Dass meine Ängste für
mich groß sind. Zu groß. Das ist alles zu viel für mich. Nehmt mir
doch was ab. Bitte. Seid da für mich. Ich flehe und weine.
Wo wart
ihr, als ich euch gebraucht habe? Wo? Ich hatte Gefühle, die ich
nicht verarbeiten konnte. Es hat weh getan, verdammt weh. Und ihr
wart nicht da. Ihr habt mich nicht beschützt. Ihr habt mir gezeigt:
Komm selber damit klar. Aber ich war damit überfordert. Ich hatte
keinen, dem ich meine Gefühle zeigen konnte. Also habe ich sie in
eine Schachtel gepackt und diese in das hinterste Regal gestellt. Wie
oft habe ich mir gewünscht, in den Arm genommen zu werden? Getröstet
werden. Dass ihr mich auf den Arm nehmt oder auf euren Schoß und
sanft über meinen Kopf streichelt. Mir zeigt, dass ihr mich liebt.
So zeigt. Nicht mit anderen Taten, sondern so.
Ich
weiß, diese Vorwürfe sind nicht fair. Ich weiß und doch habe ich
sie. Ihr hattet genug zu tun mit euren eigenen Sorgen. Es ging ums
Überleben, jeder Tag ein kleiner Kampf. Und wir haben überlebt,
sehr gut sogar. Wir hatten immer mehr Wohlstand als alle anderen.
Aber welchen Preis haben wir dafür bezahlt? Wir alle. Ihr hattet
eure Elternrolle nur so halbwegs spielen können und sehnt euch
danach sie nun weiter ausleben zu dürfen. Und ich? Ich laufe wie ein
verwundetes Tier durch Leben. Suche nach der Nähe und Verbundenheit,
nach Geborgenheit und Liebe. Und wenn ich sie aufspüre, so ist es
doch nie genug. Damals hätte ich sie gebraucht, heute sind sie nur
ein schales Abbild davon.
Die
Tränen liefen meine Wangen herunter, mein Kopf fühlte sich so an,
als ob sich da ein wütender Bienenschwarm tummelte.
- Geh,
wasch dir das Gesicht, - riet die Katze leise. Ich tat es.
- Und
nun mach dir einen Tee, du zitterst ja richtig.
Die
Wärme von der Tasse floss in die Hände und breitete sich über den
ganzen Körper aus.
- Und
nun? - fragte ich entkräftet.
- Du
hast es sehr gut gemacht, - lobte die Katze.
- Was
meinst du? - verstand ich nicht.
- Du
hast das Ritual sehr gut ausgeführt. Du hast alles zugelassen. Und
du hast aus dem Groll, der sich gegen etwas richten, heiligen Zorn
gemacht, der sich für etwas einsetzt. In deinem Fall statt gegen die
Eltern, nun für mehr Liebe, mehr Verständnis. Und aus deinem Gefühl
der Ohnmacht, dass du nichts ändern kannst, dass dir nicht das
gegeben wurde, was du gebraucht hättest, aus der ist nun Frieden
geworden. Du hast es angenommen.
Wir
schwiegen, der Sternenhimmel war heute besonders schön. Ein Windstoß
blies die Kerze aus. Sinnbildlich für den Abschluss.
- Ihr
Menschen meint oft, dass ihr es besser wisst, wie es hätte laufen
sollen. Es hätte anders sein sollen, - unterbrach die Katze die
Stille.
- Aber
ihr täuscht euch. Es ist ein großer Irrtum. Ein sehr großer, glaub
mir, - fuhr sie fort.
- Wenn
etwas anders gelaufen wäre, dann wärst du jetzt ein anderer Mensch.
Du würdest anders denken, anders fühlen, anders sein. Und woher
willst du wissen, dass es besser wäre? Die da oben, wissen was für
uns gut ist. Und das ist auch kein Wissen, sondern eher so eine
Ahnung. Das Leben schenkt dir Erfahrungen und sie formen dich. Lass
es geschehen. Lass es zu…
Ich
umklammerte die Tasse mit starren Fingern und sah in den Himmel.
Immer wenn ich die Sterne sehe, kommen mir meine Sorgen und Gedanken
so klein vor. Diese Millionen und Abermillionen von Sonnen. Um jede
ist noch ein eigenes System aus Planeten und Begleitern. Dabei bin
ich so klein. So klein und doch ein Teil von dem großen Ganzen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen