Donnerstag, 27. August 2015

Eine Katze, eine Kerze und ich.

http://static.zoonar.de/img/www_repository2/8f/00/8e/10_62f2e45e52cc64e83e5d9fb1d087b8cc.jpg Und wieder gab es Zoff mit dem Mann, wieder sind wir zusammengestoßen wie zwei Eisberge und haben uns gegenseitig einige Kanten und Ecken abgeschürft. Wobei ich das Gefühl hatte, dass ich der größere Eisberg war und ihn so richtig gerammt habe. Überrumpelt und nieder geschlagen. Ich saß auf der Terrasse und sah in den Sternenhimmel. Unzufrieden war ich mit mir und mit ihm und mit der ganzen Welt.
Inspiriert von Veit Lindau und seinem Kurs "LoveRevolution". Ist also nicht meine Weisheit und auch nicht die der Katze, sondern die von Veit. Siehe Lektion 29 von Love Revolution. 

- Na, grollst du mal wieder vor dich hin? - fragte eine sanfte Stimme.
Oh, meine süße graue Katze! Wie sehr ich sie vermisst habe! Dieses geheimnisvolle Wesen, das mit mir spricht. Eine sprechende Katze? Das hätte mich noch vor einer gewissen Zeit durch einander gebracht, aber nun, nun war es etwas ganz normales. Nein, es war etwas außergewöhnliches, aber trotzdem nicht mehr zum Davonspringen.

- Grollen? Hm, weiß nicht, - antwortete ich.
- Was ist es dann? - schnurrte sie leise.
- Naja, ich bin sauer. Sauer auf meinen Mann, sauer auf mich, sauer auf alle.
- Auf alle? Wen zum Beispiel? - hackte die Katze nach.
- Meine Eltern, - gab ich unwollend zu.
- Wieso? Was wirfst du ihnen vor?
- Mein Vater, der war nie da für uns, für mich. Da wo ich Schutz gebraucht hätte. Und Aufmerksamkeit. Und meine Mutter, die hat mir ein falsches Frauenbild vermittelt.
- Falsches Bild?
- Naja, sie hat immer gepowert, hat sich nie wirklich geliebt, war immer nur für andere da.


Die Katze antwortete nichts, ich schwieg auch.
- Ich kann helfen, - sagte schließlich die Katze.
- Ich weiß, - antwortete ich.
- Gut, dann bring bitte eine Kerze und Streichhölzer.
Welche soll ich nehmen? Diese dicke oder diese schlanke mit dem schönen Halter, überlegte ich kurz und nahm dann doch die dicke, pinke mit Marmormusterung.
- Stelle die Kerze auf den Tisch, - sagte die Katze, als ich zurück kam.
- Zünde sie an, - leitete sie weiter an. - Und bitte darum, die perfekten Heiler zu bekommen.

Ich tat alles so, wie sie es gesagt hatte. Und wie erstaunt war ich da, als ich als Antwort bekam „Du hast sie schon.“
- Was soll das heißen? - wunderte ich mich.
- Na, du hast schon die perfekten Heiler bekommen, - lächelte die Katze.
- Die Menschen, die dich am meisten berühren, sind deine perfekten Heiler, - erklärte sie, als sie sah, dass ich nicht verstand, was sie meinte.
- Gut, nun bitte um die Weisheit sie zu erkennen.
- Ich glaub, die habe ich auch schon. Gerade eben dank dir, - grinste ich.
- Dann bitte jetzt um den Mut, sie willkommen zu heißen.
- Aber das geht doch nicht, die sind eh schon da. Wie soll ich sie noch willkommen heißen? - verstand ich wieder nicht.

Die Katze leckte sich seelenruhig die Tatze und sah mich dann an.
- Sie sind da, aber sind wie ungebetene und ungewünschte Gäste. Begrüße sie herzlich, umarme sie, bitte sie an den Tisch.
- Ja, da hast du Recht, das braucht Mut und auch geistige Intelligenz. Das Wissen, dass es so besser ist.
- Und nun, bitte um das Vertrauen, die Heilung geschehen zu lassen.
Heilung? Wieso das denn? Ich dachte, ich soll Groll loslassen?
- Dein Groll ist wie das Salz, das du auf eine offene Wunde streust. Lässt du ihn weg, kannst du nüchtern fühlen, was da ist. Wie groß die Wunde ist, - erklärte die Katze.
- Ich verstehe, - nickte ich.
- War es das? Ritual zu Ende? - fragte ich.
- Nein, noch nicht. Sieh bitte die Kerzenflamme an, lass dich vom Feuer berühren.

Ich tat es und hatte das Gefühl, dass ich in dieser Flamme aufgehe. Ich fühlte mich wie das Wachs der Kerze, weich und formbar.
- Gut, sehr gut, - lobte mich die Katze.
- Du hast deinen Eltern gegenüber Gefühle, die du unterdrückt hast. Es ist bei euch Menschen immer so. Entweder unterdrückt ihr sie oder ihr lebt sie zügellos.
- Und? Ist es falsch? - fragte ich empört.
- Es gibt kein falsch und kein richtig. Entweder tut dir etwas gut oder es tut dir nicht gut.
- Gut, und was wäre gut für mich?
- Die Gefühle fühlen, aber bewusst fühlen.
- Klingt unmöglich, - wehrte ich ab.

Die Katze sah mich eindringlich an.
- Gibst du nicht zu schnell auf? Bist du sicher, dass es nicht geht? Stell dir vor, du bist ein Gasthaus und die Gefühle sind deine Gäste. Sie kommen rein und erzählen ihre Geschichten. Und du hörst sie an und glaubst ihnen aber nicht.
- Warum nicht? - staunte ich.
- Weil ein Gefühl immer flüchtig ist. Der Schmerz entsteht erst, wenn du eine Situation damit verbindest, also eine Geschichte. Das Gefühl nimmst du wahr, aber seine Geschichte, über die darfst du einfach weise lächeln.
- Okay, und wie geht das konkret? - fragte ich ungeduldig.
- So kenne ich dich, immer weiter, - schmunzelte die Katze.

Sie sah mich prüfend an, überlegte wohl, ob ich soweit bin.
- Konzentriere dich auf die Flamme und öffne deine Türen. Öffne dich den Gefühlen gegenüber, die du immer ausgesperrt hast. Du hast sie auf deinem Hof gesehen, du hast sie aber nie ins Haus gelassen. Weißt du, welche es sind?
Ich nickte und fühlte, wie sich in den Augenwinkeln Tränen bildeten.
- Werde dir bewusst, der da anklopft. Sprich es aus, - leitete mich die Katze an.
Ich zögerte. Es war, als ob ich meine Hand ins Feuer halten muss. Man hat Angst, dass es weh tun wird. Es ist heiß, brennend heiß.
- Hab Mut sie willkommen zu heißen und Vertrauen, dass die Heilung geschehen wird, - sprach die Katze aufbauend auf mich ein.

Ruhig, ganz ruhig. Weiteratmen, nicht den Atem anhalten. Vorsichtig die Tür aufmachen. Oh, das sitzen ja tatsächlich Gäste an einem Lagerfeuer im Hof. Sie schauen verwundert zu mir hoch, sie sind es gewohnt draußen zu bleiben, sie hoffen schon kaum, dass sie rein gelassen werden. Ich stellte mich in die Tür und zwang mich zu einem Lächeln. Dann trat ich zur Seite und bat alle mit einer einladenden Geste hinein. Sie kamen tuschelnd herein und setzten sich auf die weichen Kissen im großen Gastraum.
- Was siehst du? - fragte mich die Katze und holte mich zurück ins Bewusstsein.
- Gäste, viele Gäste. Ich habe ein orientalisches Gasthaus, nicht reich und nicht arm, so mittelmäßig. Habe doch einige Teppiche an den Wänden und auf dem Boden liegen viele weiche Kissen. Ich serviere Tee in Schalen und bieten ihn den Gästen an.
- Gut, dann lass jetzt den ersten seine Geschichte erzählen. Erlaube dir dieses Gefühl zu fühlen. Öffne dich ihm ganz weit.

Ich seufzte und tat es doch. Eine ganz feine Dame mit reichem Schmuck und teurem Seidenschleier. Sie sah so aus, als ob sie alles im Leben erreicht hätte, als ob sie viel Einfluss hätte.
- Sei gegrüßt, werte Frau, - fing ich an.
- Erzähle uns von dir, erzähle uns deine Geschichte, - bat ich höfflich.
- Ich bin das Gefühl nicht ernst genommen zu werden, - sagte sie mit fester Stimme.
- Glaube ihre Geschichte nicht, - flüsterte die Katze.
- Aber hör ihr zu, nimm sie wahr, fühle das, was kommt, - setzte sie noch leise hinzu.
- Erzähle bitte weiter, - bat ich die feine Frau.
- Ich habe viel in meinem Leben erreicht, ich bin vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan geworden. Ich habe mir alle Künste der Weiblichkeit selbst angeeignet. Meine Mutter hatte dafür nie was übrig, - erzählte sie würdevoll und man spürte den Stolz in ihrer Stimme.
- Glaub ihr nicht, - zischte leise die Katze, die auf einmal neben mir auf dem Teppich in diesem Gasthaus aus 1001 Nacht saß.

Gut, wenn ich die Spelze weg schäle, was bleibt übrig? Das Gefühl nicht ernst genommen zu werden. Ich fühle mich nicht ernst genommen.
- Ich kann es nicht. Es geht irgendwie nicht, - winselte ich.
- Du hast dich auch sehr lange vor dem Gefühl geschützt, - beruhigte mich die Katze.
- Hol doch einfach eine Situation dazu. Wo fühlst du dich nicht ernst genommen? - gab sie mir zur Hilfestellung.
Ich schloss die Augen und nahm aus der Schatzkiste der Erinnerungen eine passende Situation heraus. Ich streifte mir dieses Gewand über und war wütend.
- Ich spüre nur Wut, - sagte ich enttäuscht.
- Du bist wütend auf denjenigen, der dich nicht ernst nimmt. Sei geduldiger, - riet mir die Katze.
Ich schloss wieder die Augen und legte mir ein kostbares Geschmeide aus der Erinnerungskiste an. Ich rede, ich erzähle was, ich sehe eine andere Sicht und der andere nimmt mich nicht ernst. Sie will nicht sehen, dass ich auch was weiß. Sie fühlt sich unwohl damit. Sie will nicht die Rolle aufgeben, in der sie höher steht und es besser weiß. Es schmerzt zwar, dass sie mich nicht ernst nimmt, aber etwas anderes übertönt diesen Schmerz. Mitgefühl. Sie tut mir Leid. Sie hält sich an etwas veraltetem fest, sie glaubt an etwas, was schon längst nicht mehr so ist. Armes Ding, sie hat es auch nicht einfach. Sie möchte auch gerne Einfluss haben. Einfluss auch auf mich. Aber sie hat keine Macht mehr über mich. Sie sieht nicht ein, dass sie bei mir nur noch als Freundin was erreichen kann. Dann höre ich auf sie, dann mache ich es so, wie sie es mir rät.

- Es geht nicht, - sage ich schließlich. - Ich kann dieses Gefühl nicht vollkommen fühlen.
- Und ob es geht. Du hast gerade das Wunder der Verwandlung erlebt. Aus dem Schmerz wegen nicht ernst genommen werden ist Mitgefühl für das Gegenüber geworden. Sehr gut, - lobte die Katze.
- Was ist mit deinen anderen Gästen? - fragte die Katze ohne Pause zu machen.
Ich sehe mich um. Viele sind vom warmen Tee aufgeweicht worden und sind eingeschlafen. Alle? Nein, ein Gast sitzt noch am kleinen Tischchen und schaut gedankenverloren aus dem Fenster.
- Möchtest du noch einen Tee? - frage ich vorsichtig.
- Nein, danke, - entgegnet er.

Es ist ein Mann in einem langen und dunklen Gewand. Das Gesicht verschleiert mit einem Tuch, das aus dem Turban von dem Kopf runter hängt. Seine von Falten zerfurchte Hand öffnet das Tuch, jetzt hängt es um sein Gesicht. Oh, was für ein Gesicht. Tiefe Falten, viel Schmerz prägt die Struktur.
- Erzähle mir deine Geschichte, - bitte ich fast tonlos.
- Ich wurde viel allein gelassen, verlassen, im Stich gelassen. Ich habe oft nach Schutz gesucht und ihn nicht gefunden, - sagt er mit kalter Stimme. Gefühlskalt. Ohne jegliche Gefühle. Er spricht nicht viel, verstehe ich, als er nicht weiter redet. Er zeigt seine Gefühle nicht, er weiß nicht wie es geht. Keiner hat ihm das beigebracht.

Ich sitze regungslos da, Tränen laufen mir übers Gesicht. Allein gelassen. Im Stich gelassen. Schutz gesucht und nicht gefunden. Verlassen. Nicht gebraucht. Die brauchen mich nicht, aber ich will, dass sie es tun. Ich will, dass sie mir zeigen, wie wichtig ich für sie bin. Wie wertvoll. Dass meine Wünsche und Bedürfnisse auch Raum haben. Dass sie da sein dürfen. Auch wenn sie nicht erfüllt werden können. Dass sie da sind für mich. Für meine Sorgen und für meine Gedanken. Dass sie mir zuhören. Dass sie mich wahrnehmen. Dass sie verstehen, das meine Sorgen auch wichtig sind. Dass meine Ängste für mich groß sind. Zu groß. Das ist alles zu viel für mich. Nehmt mir doch was ab. Bitte. Seid da für mich. Ich flehe und weine.

Wo wart ihr, als ich euch gebraucht habe? Wo? Ich hatte Gefühle, die ich nicht verarbeiten konnte. Es hat weh getan, verdammt weh. Und ihr wart nicht da. Ihr habt mich nicht beschützt. Ihr habt mir gezeigt: Komm selber damit klar. Aber ich war damit überfordert. Ich hatte keinen, dem ich meine Gefühle zeigen konnte. Also habe ich sie in eine Schachtel gepackt und diese in das hinterste Regal gestellt. Wie oft habe ich mir gewünscht, in den Arm genommen zu werden? Getröstet werden. Dass ihr mich auf den Arm nehmt oder auf euren Schoß und sanft über meinen Kopf streichelt. Mir zeigt, dass ihr mich liebt. So zeigt. Nicht mit anderen Taten, sondern so.

Ich weiß, diese Vorwürfe sind nicht fair. Ich weiß und doch habe ich sie. Ihr hattet genug zu tun mit euren eigenen Sorgen. Es ging ums Überleben, jeder Tag ein kleiner Kampf. Und wir haben überlebt, sehr gut sogar. Wir hatten immer mehr Wohlstand als alle anderen. Aber welchen Preis haben wir dafür bezahlt? Wir alle. Ihr hattet eure Elternrolle nur so halbwegs spielen können und sehnt euch danach sie nun weiter ausleben zu dürfen. Und ich? Ich laufe wie ein verwundetes Tier durch Leben. Suche nach der Nähe und Verbundenheit, nach Geborgenheit und Liebe. Und wenn ich sie aufspüre, so ist es doch nie genug. Damals hätte ich sie gebraucht, heute sind sie nur ein schales Abbild davon.

Die Tränen liefen meine Wangen herunter, mein Kopf fühlte sich so an, als ob sich da ein wütender Bienenschwarm tummelte.
- Geh, wasch dir das Gesicht, - riet die Katze leise. Ich tat es.
- Und nun mach dir einen Tee, du zitterst ja richtig.
Die Wärme von der Tasse floss in die Hände und breitete sich über den ganzen Körper aus.
- Und nun? - fragte ich entkräftet.
- Du hast es sehr gut gemacht, - lobte die Katze.
- Was meinst du? - verstand ich nicht.
- Du hast das Ritual sehr gut ausgeführt. Du hast alles zugelassen. Und du hast aus dem Groll, der sich gegen etwas richten, heiligen Zorn gemacht, der sich für etwas einsetzt. In deinem Fall statt gegen die Eltern, nun für mehr Liebe, mehr Verständnis. Und aus deinem Gefühl der Ohnmacht, dass du nichts ändern kannst, dass dir nicht das gegeben wurde, was du gebraucht hättest, aus der ist nun Frieden geworden. Du hast es angenommen.

Wir schwiegen, der Sternenhimmel war heute besonders schön. Ein Windstoß blies die Kerze aus. Sinnbildlich für den Abschluss.
- Ihr Menschen meint oft, dass ihr es besser wisst, wie es hätte laufen sollen. Es hätte anders sein sollen, - unterbrach die Katze die Stille.
- Aber ihr täuscht euch. Es ist ein großer Irrtum. Ein sehr großer, glaub mir, - fuhr sie fort.
- Wenn etwas anders gelaufen wäre, dann wärst du jetzt ein anderer Mensch. Du würdest anders denken, anders fühlen, anders sein. Und woher willst du wissen, dass es besser wäre? Die da oben, wissen was für uns gut ist. Und das ist auch kein Wissen, sondern eher so eine Ahnung. Das Leben schenkt dir Erfahrungen und sie formen dich. Lass es geschehen. Lass es zu…

Ich umklammerte die Tasse mit starren Fingern und sah in den Himmel. Immer wenn ich die Sterne sehe, kommen mir meine Sorgen und Gedanken so klein vor. Diese Millionen und Abermillionen von Sonnen. Um jede ist noch ein eigenes System aus Planeten und Begleitern. Dabei bin ich so klein. So klein und doch ein Teil von dem großen Ganzen.

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