Freitag, 7. September 2018

Das Klebrige und das Stachlige


Anna wachte wieder mit einer unglaublichen Schwere im ganzen Körper. Keine Lust etwas zu machen und es fehlte hierfür auch die Kraft. Die Großmutter kam ins Zimmer und setzte sich an den Bettrand. Ihre runzelige Hand streichelte Annas Wange und legte sich dann zu der anderen Hand in den Schoß. Die junge Frau folgte der Hand und legte ihren Kopf auf die Oberschenkel der Großmutter.
Anna hat nie geweint, alle hielten sie für stark. Und hier bei Oma da war es als ob ein Damm brechen würde. Die Tränen flossen und haben Omas Kleid schon durchnässt, hörten aber nicht auf zu fließen.
- Weine dich aus, meine Liebe. Lass den Schmerz raus, – sprach die Oma mit zärtlicher Stimme und streichelte liebevoll über den Kopf.
- Oma, ich versteh das nicht! Warum? Warum ist das immer so? - fragte Anna schluchzend immer wieder.
Nicht warum, sondern wozu“, könnte die weise Großmutter hinzufügen, aber sie war ja weise und schwieg. Die rundliche Frau fuhr mit den Fingern durch die Haare ihrer Enkeltochter, die weiter schluchzte.

Freitag, 18. Mai 2018

Hände wie Schlangen


Jedes Mal, wenn ich an den Männern vorbeigehe umklammert Angst meine Brust und meinen Hals. Ich fühle, wie sie sich schwer auf meine Schultern legt, wie eine Last, wie ein schweres Tuch. Ich habe Angst vor Männern. Und ich meide jeden Blickkontakt mit ihnen. Ich will ihnen nicht in die Augen zu sehen, weil ich Angst habe, dort Begehren zu sehen oder zu spüren, wie ihr Blick an mir entlang schweift, urteilend und wertend. Ich habe Angst vor diesem Blick, weil ich mich nicht wertvoll fühle, ich habe in solchen Moment Angst, dass das Endurteil des Betrachters „minderwertig“ sein wird. Oder noch schlimmer, dass der Betrachter mich als eine wertvolle Beute sieht. Ich könnte mich nicht wehren, ich wäre ihm hilflos ausgeliefert. Ich wäre keine wertvolle Beute, ich wäre eine leichte Beute.