„Jedes
Mal, wenn ich an den Männern vorbeigehe umklammert Angst meine Brust
und meinen Hals. Ich fühle, wie sie sich schwer auf meine Schultern
legt, wie eine Last, wie ein schweres Tuch. Ich habe Angst vor
Männern. Und ich meide jeden Blickkontakt mit ihnen. Ich will ihnen
nicht in die Augen zu sehen, weil ich Angst habe, dort Begehren zu
sehen oder zu spüren, wie ihr Blick an mir entlang schweift,
urteilend und wertend. Ich habe Angst vor diesem Blick, weil ich mich
nicht wertvoll fühle, ich habe in solchen Moment Angst, dass das
Endurteil des Betrachters „minderwertig“ sein wird. Oder noch
schlimmer, dass der Betrachter mich als eine wertvolle Beute sieht.
Ich könnte mich nicht wehren, ich wäre ihm hilflos ausgeliefert.
Ich wäre keine wertvolle Beute, ich wäre eine leichte Beute.
Ich
will ihre Hände nicht ansehen. Diese starken Hände, nach denen ich
mich einerseits so sehne, weil sie Schutz versprechen. Und
andererseits habe ich auch vor diesen Händen Angst. Mir ist, als
wären diese Händen Schlangen, die auf der Lauer liegen und auf eine
gute Gelegenheit anzugreifen warten. Sie können blitzschnell
emporschießen, so schnell, dass ich nicht reagieren kann. Sie
schießen auf mich zu, versenken ihre Zähne in mich und reißen
Stücke aus mir. Sie zerstückeln mich, sie zerreißen mich, sie
hinterlassen blutige Wunden.
Und
noch mehr meide ich den Blick auf die Leistengegend. Da, da ist so
viel Gefahr. Gefahr und Lust. Mich erregt einerseits der Gedanke
daran unter Anwendung von Gewalt genommen zu werden, andererseits
verstehe ich irgendwie auch, dass das nicht richtig ist. Wenn ich mir
nur vorstelle, dass ich einem dieser Männer gegenüber stehe, steigt
Panik in mir hoch. Sie steigt aus dem Bauch in die Kehle, lässt
meinen Herzschlag rasen. Als ob eine Peitsche nach mir ausschlägt
und ich den Kopf zwischen die Schultern einziehe und die Arme vor der
Brust überkreuze. Ich will mich klein machen, mich schützen.
Adrenalin
pulsiert durch meine Adern, es bereitet mich auf den Kampf oder die
Flucht vor. Mein Brustkorb pocht, meine Finger zittern, ich bin
höchst angespannt und das allein bei dem Gedanken, dass nur ein Mann
vor mir steht. Doch da sehe ich sie zu viert, ich sehe sie auf mich
zukommen, ich würde am liebsten weg laufen, mache Schritte nach
hinten und stoße mit dem Rücken gegen eine Wand. Ich kann nicht
weg, ihre Augen ziehen mich aus, ihre Hände berühren mich und
hinterlassen das Gefühl, dass die Stellen, die berührt wurden, nun
mit Teer überzogen sind. Es ist, als ob sie mir mein Licht nehmen
würden. Ich kann nicht mehr so hell leuchten, denn ich habe Angst.
Warum
verberge ich das? Warum zeige ich diese Angst nicht? Warum lache ich
sie frech an? Warum würde ich in dem Moment so tun, als ob ich
dieses Spiel lustig und spaßig finde? Weil ich ihnen nicht die
Genugtuung gegen möchte, dass ich verloren habe. Ich will nicht,
dass sie meine Schwäche sehen. Ich will stark nach außen wirken.
Vielleicht würden sie aufhören, vielleicht würden sie zurück
treten, wenn sie Tränen in meinen Augen sehen würden oder erkennen
könnten, wie geweitet meine Pupillen sind.
Ich
möchte mich klein machen, ich möchte mich verstecken, wenn ich
schon nicht weg laufen kann. Tot stellen, ja das ist eine Lösung.
Einfach so tun, als ob ich nicht da wäre, dann kann mir keiner was
tun. Ich bin da, aber du kannst mir nicht weh tun.“
Sie
sitzt vor mir, hebt ab und zu den Blick vom Boden und dann funkelt
sie mich wütend an oder kräuselt die Stirn, als ob sie eine ganz
dringende Bitte an mich hätte. Ja, die hat sie, sie sucht
Verständnis, sie viel Akzeptanz, sie will es endlich ausgesprochen
haben, sie will die schwere Last ablegen.
-
Ich verstehe dich,- sage ich sanft und berühre vorsichtig ihre
Schulter.
Sie
schweigt.
-
Ich sehe deine Not, deinen Schmerz und ich kann deine Angst
nachvollziehen,- spreche ich weiter und versuche meine Stimme dabei
so liebevoll zu klingen wie es nur möglich ist.
-
Wirklich? - fragt sie leise und schaut mich verzweifelt an. - Du
kannst es nachvollziehen? Ich bin nicht verrückt, dass ich ihre
Hände als Schlangen wahrnehme? Ich habe keine Wahnvorstellungen?
-
Nein, du hast nur eine sehr bildhafte Ausdrucksweise, mehr nicht. Du
musst Schlimmes erlebt haben und ich habe tiefstes Mitgefühl mit
dir, - antworte ich.
Sie
sieht mich an, Tränen laufen ihre Wangen runter. Sie atmet
erleichtert aus.
-
Und du bist hier, weil du das ändern willst, oder? Du willst keine
Angst mehr haben, stimmt es? - frage ich vorsichtig.
Sie
denkt kurz nach, legt den Kopf zur Seite, nickt kaum sichtbar. Eine
tiefe Furche legt sich zwischen ihre Augenbrauen.
-
Wie? Du willst wissen, wie du dich davon befreien kannst? - frage ich
und sie nickt. Ein schwaches Lächeln legt sich auf ihre Lippen.
Hoffnung, ja, das ist genau das, was wir jetzt brauchen.
-
Hör zu, du hast Sachen erlebt, die können wir nicht rückgängig
machen. Du kannst aus der heutigen Sicht die anderen evtl. besser
verstehen,- fange ich an.
-
Sie wissen nicht, was sie tun, - unterbricht sie mich. Aha, dann ist
der Vergebungsprozess schon im Gange.
-
In gewisser Weise schon. Ihre Seelen haben sich mit deiner Seele vor
langer Zeit abgesprochen, dass ihr das alles gemeinsam erleben
werdet.
-
Wozu? - fragt sie gequält.
-
Um die Gabe der Vergebung zu erfahren, - antworte ich und sie nickt
wieder. Der Gedanke scheint ihr nicht neu zu sein.
-
Du kannst das, was geschehen ist, nicht ändern, aber du kannst ihnen
aus tiefstem Herzen vergeben, indem du an diesen ungeschriebenen
Vertrag denkst.
-
Dann werde ich solche Menschen nicht mehr anziehen? - fragt sie
tonlos und ich lächele.
-
Ich kann verstehen, dass du noch nicht darauf vertrauen kannst. Die
Wunde ist zu tief, sie muss erst noch heilen. Für diese Zeit werden
wir uns was schaffen. Schließe deine Augen und stell dir dieses
schutzlose Mädchen vor, wie es da auf dem Boden sitzt und vor den
anderen weg gehen will. Stell dich zwischen sie und die anderen,
beschütze es. Nimm es ruhig auf den Arm.
Ich
sehe wie dicke Tränen aus ihren Augen kullern.
-
Die Kleine zittert. Sie hat sich an mich geschmiegt, ihre Beinchen
umklammern fest meine Hüften, ihre Ärmchen umschlingen meinen Hals,
- sagt sie fast im Flüsterton.
-
Sehr gut. Und nun tröste sie. Streichele ihr über die Haare und den
Rücken. Sag ihr, dass nun alles in Ordnung ist.
-
Sie hat sich beruhigt, ihre Arme lassen meinen Hals los, sie will
runter. Sie steht vor mir, so schutzlos und so rein,- erklärt sie.
-
Gut. Lass aus deiner Brust grünes Licht erstrahlen. Webe aus diesem
Licht einen Umhang. Lass ein paar rosafarbene und weiße Strahlen
einfließen. Und wenn er fertig ist, lege ihn dem Mädchen um.
Sie
lächelt, sie lächelt und weint gleichzeitig.
-
Ich fühle mich ihn! Ich fühle diesen Schutzumhang. Er verdeckt mich
von Hals bis Fuß. Warte, da fehlt noch was,- sagt sie impulsiv und
macht eine Bewegung, als ob sie von hinten eine Kapuze holen würde
und sie sich über den Kopf streifen würde.
Sie
strahlt, ihr Lächeln ist nun aufrichtig und hell. Ihre Augen sind
noch gerötet von den Tränen, aber mir scheint, als ob sich ihre
Schultern nach hinten gezogen hätten. Sie sitzt nun ganz aufrecht
da, atmet tief und sieht mich an.
-
Danke,- sagt sie mit einer kraftvollen Stimme.
-
Danke, dass ich dich unterstützen durfte.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen