Freitag, 18. Mai 2018

Hände wie Schlangen


Jedes Mal, wenn ich an den Männern vorbeigehe umklammert Angst meine Brust und meinen Hals. Ich fühle, wie sie sich schwer auf meine Schultern legt, wie eine Last, wie ein schweres Tuch. Ich habe Angst vor Männern. Und ich meide jeden Blickkontakt mit ihnen. Ich will ihnen nicht in die Augen zu sehen, weil ich Angst habe, dort Begehren zu sehen oder zu spüren, wie ihr Blick an mir entlang schweift, urteilend und wertend. Ich habe Angst vor diesem Blick, weil ich mich nicht wertvoll fühle, ich habe in solchen Moment Angst, dass das Endurteil des Betrachters „minderwertig“ sein wird. Oder noch schlimmer, dass der Betrachter mich als eine wertvolle Beute sieht. Ich könnte mich nicht wehren, ich wäre ihm hilflos ausgeliefert. Ich wäre keine wertvolle Beute, ich wäre eine leichte Beute.

Ich will ihre Hände nicht ansehen. Diese starken Hände, nach denen ich mich einerseits so sehne, weil sie Schutz versprechen. Und andererseits habe ich auch vor diesen Händen Angst. Mir ist, als wären diese Händen Schlangen, die auf der Lauer liegen und auf eine gute Gelegenheit anzugreifen warten. Sie können blitzschnell emporschießen, so schnell, dass ich nicht reagieren kann. Sie schießen auf mich zu, versenken ihre Zähne in mich und reißen Stücke aus mir. Sie zerstückeln mich, sie zerreißen mich, sie hinterlassen blutige Wunden.
Und noch mehr meide ich den Blick auf die Leistengegend. Da, da ist so viel Gefahr. Gefahr und Lust. Mich erregt einerseits der Gedanke daran unter Anwendung von Gewalt genommen zu werden, andererseits verstehe ich irgendwie auch, dass das nicht richtig ist. Wenn ich mir nur vorstelle, dass ich einem dieser Männer gegenüber stehe, steigt Panik in mir hoch. Sie steigt aus dem Bauch in die Kehle, lässt meinen Herzschlag rasen. Als ob eine Peitsche nach mir ausschlägt und ich den Kopf zwischen die Schultern einziehe und die Arme vor der Brust überkreuze. Ich will mich klein machen, mich schützen.
Adrenalin pulsiert durch meine Adern, es bereitet mich auf den Kampf oder die Flucht vor. Mein Brustkorb pocht, meine Finger zittern, ich bin höchst angespannt und das allein bei dem Gedanken, dass nur ein Mann vor mir steht. Doch da sehe ich sie zu viert, ich sehe sie auf mich zukommen, ich würde am liebsten weg laufen, mache Schritte nach hinten und stoße mit dem Rücken gegen eine Wand. Ich kann nicht weg, ihre Augen ziehen mich aus, ihre Hände berühren mich und hinterlassen das Gefühl, dass die Stellen, die berührt wurden, nun mit Teer überzogen sind. Es ist, als ob sie mir mein Licht nehmen würden. Ich kann nicht mehr so hell leuchten, denn ich habe Angst.
Warum verberge ich das? Warum zeige ich diese Angst nicht? Warum lache ich sie frech an? Warum würde ich in dem Moment so tun, als ob ich dieses Spiel lustig und spaßig finde? Weil ich ihnen nicht die Genugtuung gegen möchte, dass ich verloren habe. Ich will nicht, dass sie meine Schwäche sehen. Ich will stark nach außen wirken. Vielleicht würden sie aufhören, vielleicht würden sie zurück treten, wenn sie Tränen in meinen Augen sehen würden oder erkennen könnten, wie geweitet meine Pupillen sind.
Ich möchte mich klein machen, ich möchte mich verstecken, wenn ich schon nicht weg laufen kann. Tot stellen, ja das ist eine Lösung. Einfach so tun, als ob ich nicht da wäre, dann kann mir keiner was tun. Ich bin da, aber du kannst mir nicht weh tun.“
Sie sitzt vor mir, hebt ab und zu den Blick vom Boden und dann funkelt sie mich wütend an oder kräuselt die Stirn, als ob sie eine ganz dringende Bitte an mich hätte. Ja, die hat sie, sie sucht Verständnis, sie viel Akzeptanz, sie will es endlich ausgesprochen haben, sie will die schwere Last ablegen.
- Ich verstehe dich,- sage ich sanft und berühre vorsichtig ihre Schulter.
Sie schweigt.
- Ich sehe deine Not, deinen Schmerz und ich kann deine Angst nachvollziehen,- spreche ich weiter und versuche meine Stimme dabei so liebevoll zu klingen wie es nur möglich ist.
- Wirklich? - fragt sie leise und schaut mich verzweifelt an. - Du kannst es nachvollziehen? Ich bin nicht verrückt, dass ich ihre Hände als Schlangen wahrnehme? Ich habe keine Wahnvorstellungen?
- Nein, du hast nur eine sehr bildhafte Ausdrucksweise, mehr nicht. Du musst Schlimmes erlebt haben und ich habe tiefstes Mitgefühl mit dir, - antworte ich.
Sie sieht mich an, Tränen laufen ihre Wangen runter. Sie atmet erleichtert aus.
- Und du bist hier, weil du das ändern willst, oder? Du willst keine Angst mehr haben, stimmt es? - frage ich vorsichtig.
Sie denkt kurz nach, legt den Kopf zur Seite, nickt kaum sichtbar. Eine tiefe Furche legt sich zwischen ihre Augenbrauen.
- Wie? Du willst wissen, wie du dich davon befreien kannst? - frage ich und sie nickt. Ein schwaches Lächeln legt sich auf ihre Lippen. Hoffnung, ja, das ist genau das, was wir jetzt brauchen.
- Hör zu, du hast Sachen erlebt, die können wir nicht rückgängig machen. Du kannst aus der heutigen Sicht die anderen evtl. besser verstehen,- fange ich an.
- Sie wissen nicht, was sie tun, - unterbricht sie mich. Aha, dann ist der Vergebungsprozess schon im Gange.
- In gewisser Weise schon. Ihre Seelen haben sich mit deiner Seele vor langer Zeit abgesprochen, dass ihr das alles gemeinsam erleben werdet.
- Wozu? - fragt sie gequält.
- Um die Gabe der Vergebung zu erfahren, - antworte ich und sie nickt wieder. Der Gedanke scheint ihr nicht neu zu sein.
- Du kannst das, was geschehen ist, nicht ändern, aber du kannst ihnen aus tiefstem Herzen vergeben, indem du an diesen ungeschriebenen Vertrag denkst.
- Dann werde ich solche Menschen nicht mehr anziehen? - fragt sie tonlos und ich lächele.
- Ich kann verstehen, dass du noch nicht darauf vertrauen kannst. Die Wunde ist zu tief, sie muss erst noch heilen. Für diese Zeit werden wir uns was schaffen. Schließe deine Augen und stell dir dieses schutzlose Mädchen vor, wie es da auf dem Boden sitzt und vor den anderen weg gehen will. Stell dich zwischen sie und die anderen, beschütze es. Nimm es ruhig auf den Arm.
Ich sehe wie dicke Tränen aus ihren Augen kullern.
- Die Kleine zittert. Sie hat sich an mich geschmiegt, ihre Beinchen umklammern fest meine Hüften, ihre Ärmchen umschlingen meinen Hals, - sagt sie fast im Flüsterton.
- Sehr gut. Und nun tröste sie. Streichele ihr über die Haare und den Rücken. Sag ihr, dass nun alles in Ordnung ist.
- Sie hat sich beruhigt, ihre Arme lassen meinen Hals los, sie will runter. Sie steht vor mir, so schutzlos und so rein,- erklärt sie.
- Gut. Lass aus deiner Brust grünes Licht erstrahlen. Webe aus diesem Licht einen Umhang. Lass ein paar rosafarbene und weiße Strahlen einfließen. Und wenn er fertig ist, lege ihn dem Mädchen um.
Sie lächelt, sie lächelt und weint gleichzeitig.
- Ich fühle mich ihn! Ich fühle diesen Schutzumhang. Er verdeckt mich von Hals bis Fuß. Warte, da fehlt noch was,- sagt sie impulsiv und macht eine Bewegung, als ob sie von hinten eine Kapuze holen würde und sie sich über den Kopf streifen würde.
Sie strahlt, ihr Lächeln ist nun aufrichtig und hell. Ihre Augen sind noch gerötet von den Tränen, aber mir scheint, als ob sich ihre Schultern nach hinten gezogen hätten. Sie sitzt nun ganz aufrecht da, atmet tief und sieht mich an.
- Danke,- sagt sie mit einer kraftvollen Stimme.
- Danke, dass ich dich unterstützen durfte.

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