Freitag, 7. September 2018

Das Klebrige und das Stachlige


Anna wachte wieder mit einer unglaublichen Schwere im ganzen Körper. Keine Lust etwas zu machen und es fehlte hierfür auch die Kraft. Die Großmutter kam ins Zimmer und setzte sich an den Bettrand. Ihre runzelige Hand streichelte Annas Wange und legte sich dann zu der anderen Hand in den Schoß. Die junge Frau folgte der Hand und legte ihren Kopf auf die Oberschenkel der Großmutter.
Anna hat nie geweint, alle hielten sie für stark. Und hier bei Oma da war es als ob ein Damm brechen würde. Die Tränen flossen und haben Omas Kleid schon durchnässt, hörten aber nicht auf zu fließen.
- Weine dich aus, meine Liebe. Lass den Schmerz raus, – sprach die Oma mit zärtlicher Stimme und streichelte liebevoll über den Kopf.
- Oma, ich versteh das nicht! Warum? Warum ist das immer so? - fragte Anna schluchzend immer wieder.
Nicht warum, sondern wozu“, könnte die weise Großmutter hinzufügen, aber sie war ja weise und schwieg. Die rundliche Frau fuhr mit den Fingern durch die Haare ihrer Enkeltochter, die weiter schluchzte.

- Weißt du, ich fühle mich mein ganzes Leben unnütz, so als ob mich niemand braucht! - entfuhr es auf einmal der jungen Frau. - Ich weiß, dass meine Mutter nach meinem Bruder eine Abtreibung gemacht hat und sie hat mir gestanden, dass sie mich anfangs nicht behalten wollte, als sie mit mir schwanger wurde. Angst – das war die erste Emotion, die ich glaube empfunden zu haben. Ich habe ihre Angst gespürt, dass ich ein genauso krankes Kind sein werde.
Die Tränen flossen weiter in Großmutter Schoß und die Großmutter strich nun zärtlich über die Schulter und den Oberarm. Sie wartete geduldig auf die Fortführung der Erzählung.
- Manchmal glaube ich, dass ich mich daran erinnern kann. Ich kann mich doch nicht erinnern, oder? Aber ich glaube, dass ich weiß, wie es war. Wie ich versucht hatte mich klein und unbemerkbar zu machen, damit Mama keine Angst mehr hätte.
- Verzeih, meine Liebe, ich glaube ich verstehe nicht ganz, - fragte die Großmutter vorsichtig nach.
- Naja, wenn ich klein bin und man mich nicht sieht, dann bin ich nicht da. Ich glaube sogar mich zu erinnern, wie es war, in dieser grünen Brühe zu sitzen.
- Du meinst, dass du über dem Geburtstermin lagst? - fragte die Großmutter sanft.
- Ja und ich glaube, ich wusste damals, dass es mir nicht gut tut dort zu bleiben. Diese Flüssigkeit brannte auf der Haut, ich hatte ständig Hunger, mir mangelte es an Nährstoffen und Sauerstoff. Und doch hatte ich Angst heraus zu kommen und diese Qualen zu beenden. Denn Mama wollte mich nicht, sie hatte Angst und ich habe durchgehalten.
- Und was passierte dann?
- Dann lebte ich mit dieser Angst, dass sie es sich anders überlegen könnten. Wenn sie in der Schwangerschaft diese Überlegung hatte, so hätte sie sich das auch nach der Geburt denken können. Ich versuchte immer unauffällig und brav zu sein, damit sie es sich nicht anders überlegten.
- Sie? Du sprichst von mehreren?
- Ja, nicht nur die Mutter. Der Vatter hätte ja auch sagen können, wir wollen dich nicht. Und ich lebte ständig mit diesem Gefühl, dass mich hier keiner braucht, dass ich hier überflüssig bin und nur eine große Last für alle.
- Wo hier? - fragte die Großmutter erneut nach.
- Hier in der Familie und in dieser Welt auch. Ich verhielt mich still und ruhig, wurde irgendwie unsichtbar, damit sie es sich nicht anders überlegen und mich doch behalten. Und durch diese scheinbare Unsichtbarkeit wurde mein Gefühl, dass mich keiner braucht, immer stärker. Sie dachten, ich brauche nichts oder nur wenig, sie dachten ich wäre selbstständig und dass ich alles alleine schaffen würde. Ich bin da wohl selbst schuld, was? Habe mir da selbst Schmerz hinzugefügt…
- Aber nein, meine Liebe! Wie kann jemand selbst für seinen Schmerz schuld sein? - empörte sich die Großmutter und dachte im Stillen, dass man doch immer wieder sich in die Opferrolle stürzt und allzu gerne der Leidende ist. Warum? Weil man glaubt, dass das die einzige Möglichkeit ist, die Aufmerksamkeit der anderen zu erlangen. Wie war es früher? Läuft alles gut und das Kind macht keinen Unsinn, so sagt auch keiner was, kein Lob, keine Aufmerksamkeit. Liebe bekam man nicht einfach so, die musste man sich verdienen durch Taten. „Bring den Mühl bitte raus. Danke, lieber Junge.“ Und wie sehr hat man sich danach gesehnt Liebe einfach ohne Bedingungen zu bekommen? Einfach so, weil man da ist.
Die Enkeltochter weinte weiter und die Großmutter fuhr ihr mit ihrer sehnigen Hand über den Rücken. Sie mochte sich gedacht haben, dass man für diese bedingungslose Liebe die Fähigkeit der Lebensfreude besitzen musste. „Ich freue mich, dass ich lebe. Ich freue mich, dass das Kind da ist.“ Doch von welcher Freude konnte die Rede sein, wenn das Leben kein Leben sonder Überleben war. Du fühlst dich nicht mehr, weil du völlig erschöpft bist, weil du deine letzten Reserven ausschöpfst. Die letzten Tropfen ganz unten und doch muss man weiter machen, sonst droht Gefahr. Man musste zur Arbeit gehen und den Garten bestellen und das Vieh versorgen.
Die Bauern früher hatten ein schweres Leben, aber Unsereiner hatte in den Zeiten des Umbruchs auch kein leichteres. Du musst eine Selbstversorger-Garten haben, weil es in den Läden nichts zu kaufen gibt und zur Arbeit musst du, weil du nicht alles selbst anbauen kannst und Reis, Zucker, Mehl usw. doch kaufen musst. Von welcher Freude über die Kinder kann man da reden?
- Ooomaaaaaa! - heulte da die Enkeltochter auf und entriss die Großmutter ihren Gedanken. - Was soll ich bloß tun? Wie soll ich damit leben? Ich habe ständig das Gefühl, dass ich alle störe, belästige und sich keiner interessiert, was ich denke, fühle oder mache.
- Und für dich selbst bist du auch eine Last? Interessiert es dich auch nicht, was du denkst und fühlst? Empfindest du deine Handlungen auch als unwichtig? - fragte die Großmutter und kniff die Augen ein wenig zusammen.
- Ja-a-a! - heulte Anna weiter. - Es ist als ob in mir zwei leben würden und beide sind völlig durchgeknallt. Die eine ist wie ein Zombie oder ein Vampir, ja Vampir beschreibt es sehr gut. Sie ist ständig hungrig, immer will sie Nähe und nie ist es genug. Sie will, dass man sie sieht, sie lobt, sie verwöhnt, ihr Aufmerksamkeit schenkt, ihr zuhört, sich dafür interessiert, was sie macht, denkt, fühlt. Sie will dass man sie liebt! Sie ist so abscheulich!
- Irgendwie klebrig, - kommentierte die Großmutter.
- Ja und sieh nur, wie sie den Begriff „Liebe“ verunstaltet hat. Nähe ist, wenn einer sich für dich interessiert. Liebe ist gleich Anerkennung. So was Verdrehtes!
Die Großmutter seufzte und Anna fuhr fort:
- Irgendwie habe ich mit ihr Mitleid, so ein kleines, armseliges Mädchen. Aber gleichzeitig finde ich sie abstoßend. Sie ähnelt einem Blutegel.
- Nun übertreibe doch nicht, - unterbrach die Großmutter den Redeschwall. - Wenn wir uns nach etwas sehr sehnen und nicht bekommen können, dann wollen wir es immer mehr und …
- Ja! - unterbrach nun die Enkeltochter. - Es ist wie mit Schoko-Torte. Man will sie, aber man verbietet sie sich und dann kommt so ein Moment, wo man so großes Verlangen danach hat, dass man drei Stück auf einmal isst.
Die Großmutter lachte auf und wurde dann aber gleich ernst.
- Wie würdest du das kleine Mädchen nennen?
- Klein-Anna, - antwortete Anna leise. - So ein kleines, schutzloses Wesen. Sie ist dürr und streckt ihre kleinen Ärmchen jedem entgegen. Und keiner nimmt sie auf den Arm. Oma, kannst du dir vorstellen, wie furchtbar das sein muss?
Nach dieser Aussage flossen die Tränen erneut. Die Großmutter holte ein Taschentuch hervor und gab es Anna. Sie setzte sich hin und schnäuzte sich.
- Meinst du, dass ich deshalb manchmal mehr esse, als ich bräuchte? Weil Klein-Anna dann am Ruder ist? Sie muss ja Angst haben, dass sie vor Hunger stirbt, oder?
Die Großmutter schwieg und gab Anna die Gelegenheit dieses Bild zu verinnerlichen.
- Was sollen wir mit Klein-Anna machen? - fragte die Großmutter schließlich.
- Weiß ich nicht. Soll sie doch in der Ecke hocken und weinen.
- Nein, so geht das nicht. Das ist ein Teil von dir, der dann immer allein gelassen sitzt, - protestierte die Großmutter. - Was will sie?
- Sie will umarmt werden, - drückte Anna aus sich hervor und ihr Gesicht verzog sich wieder vor Schmerz. Die Tränen standen erneut in den Augenwinkeln.
- Und du kannst nicht? - fragte die Großmutter. - Du bist doch erwachsen, du könntest sie umarmen, oder?
- Ich weiß es nicht. Manchmal habe das Gefühl, dass sie so viel Raum einnimmt, dass in mir keine Erwachsene mehr da ist. So als ob nur noch dieses kleine Mädchen da wäre, dass immer zu nur sagt: „Gib! Gib! Gib! Und noch mehr!“
- Nun gut, lass uns darauf später zurück kommen. Erzähl mir von der Anderen, - bat die Großmutter.
- Über welche Andere? - verstand Anna nicht.
- Du hast gesagt, es wäre als ob zwei in dir wären.
- Ach ja, da gibt es noch dieses Stachelschwein. „Ihr braucht mich nicht? Wunderbar, dann brauch ich euch auch nicht!“ Einsamkeit ist für sie zur Normalität geworden. Kein Zuckerschlecken, aber das ist das, was sie kennt, woran sie gewohnt ist.
- Kein Zuckerschlecken, aber es geht, ja? - fragte die Großmutter nach.
- Um ehrlich zu sein, ist das weit untertrieben. Zum Heulen ist das. Fürchterlich! Die Einsamkeit ist erdrückend, keiner braucht dich. Wozu du hier bist, hat dir keiner erklärt und von alleine kommt man da nicht drauf. Nana ist eigentlich zutiefst verzweifelt.
- Nana? - wunderte sich Großmutter.
- Ja, du hattest gefragt, wie dieses klebrige genannt werden könnte und hier kam mir dieser Name in den Sinn. Es hat was kategorisches und strenges an sich. „Na-na, denk gar nicht dran!“ oder „Ne-ne, so geht das nicht!“. Nana ist kalt und pieksig, so als bo sie keine Gefühle hätte, verstehst du? Sie versteht nicht warum sie hier ist. Zuerst dachte sie, damit sie, sie wäre hier, um zu lernen ein braves Mädchen zu sein. Irrtum! Denn es spielte keine Rolle, ob man lieb war oder nicht. Die Mutter verschwand trotzdem jeden Morgen zur Arbeit und ließ sie allein. Und dieser Schmerz des Verlassenwerdens hat sie eiskalt gemacht. „Du gehst? Dann geh doch! So ist es sogar besser.“Sie hat sich vorgenommen sich nie wieder an jemanden zu binden, um den Schmerz zu meiden, der kommt, wenn der andere einen wieder verlässt.
An dieser Stelle wurde Annas Stimme ruhig und raschelnd, voller Kälte und Leere. Es zieht wie aus einem verlassenem Haus. Das ist keine Trauer mehr, das ist völlige Kapitulation. „Ich kann nichts machen, damit es mir besser geht, deshalb werde ich ncihts machen. Ich werde einfach vergessen, was für mich gut ist.“
Die Großmutter wischte heimlich eine Träne weg.
- Und diese Nana, was macht sie? - fragte sie dann vorsichtig.
- Sie kämpft ständig mit Klein-Anna. Nein, warte, nicht kämpfen. Sie sagt einfach: „Klein-Anna, du bist so dumm! Wozu brauchen wir diese Nähe? Davon gibt es nur Probleme! Man gibt dir ein kleines Bisschen davon und dann tut es wieder weh, weil nichts mehr kommt. Vergiss es! Rückzug, das ist die Lösung.“
- Und was denkst du dazu? - interessierte sich die Großmutter.
- Ich glaube beide sich dumm. Nana ist nicht klüger als Klein-Anna. Nana geht es nicht gut und sie wird aber auch nichts verändern. Sie wird in dieser ekligen Brühe sitzen und leise vor sich hin leiden.
- Wie im Fruchtwasser?
- Ja. Leise leiden, damit keiner was sieht, - fuhr Anna fort. - Oder hat sie einfach aufgehört zu spüren, dass sie leidet? Fühlt sie überhaupt noch was? - fragte Anna eher sich als die Großmutter. Ihre Augen weiteten sich, als sie begriff.
- Sie spürt nichts mehr. Sie hat aufgehört damit. Sie nimmt nichts wahr. Kalt wie Eis, sie hat Angst zu fühlen, denn der Glückselligkeit der Nähe folgt der Schmerz und damit kann sie nicht umgehen. Keiner hat ihr beigebracht, was man damit macht, keiner hat sie getröstet. Wenn ein Kind hinfällt und sich weh tut, dann wird es hoch gehoben und getröstet, es kriegt ein Pflaster auf das Knie. Und Nana? Sie wurde nicht getröstet, weil sie auch nie gezeigt hat, dass es weh tut. Und nun ist sie erbost auf die ganze Welt.
- Das sieht nicht gut aus, - fasste die Großmutter zusammen. - Ein ständiger inneren Konflikt. Ständig kämpfen die beiden um die Macht.
- Welche Macht? - Anna sah ihre Oma verständnislos an.
- Du bist dann mal Klein-Anna, mal Nana, richtig? Und das zerrt.
- Ja, - nickte Anna. - Ich bin so erschöpft, so müde, das macht mich so fertig! Und dann ist da aber noch das normale Leben, der Alltag, die Arbeit, der Haushalt, die Kinder… Dafür bleibt nur noch ein wenig Lebensenergie, denn die beiden Ziegen verbrauchen so viel.
- Aber-aber! Ziegen? Es sind deine Anteile, sie gehören zu dir. Sei freundlicher zu ihnen.
- Was soll ich tun? Geht das denn auch irgendwie anders? Darf ich anders? - fragte Anna und es klang wie eine Bitte nach einem Eis.
- Natürlich! - entgegnete die Großmutter. - In dir gibt es nicht nur Klein-Anna und Nana…
- Ja! Es gibt auch die erwachsene Anna! - rief Anna begeistert.
Die Großmutter nickte.
- Es ist nur so, als ob sie schlafen würde, - setzte Anna hinzu.
- Dann wecke sie auf! Wenn du Nana oder Klein-Anna beobachten kannst, dann gibt es in dem Moment einen Beobachter. Und diejenige die beobachtet ist dann Anna. Lass sie ans Ruder!
Anna fühlte sich nach dem Gespräch erschöpft, aber es war eine andere Art von Müdigkeit. Keine bleierne Schwere, die einen herunter drückt. Nein, es war wie nach einem Marathonlauf, man braucht nur eine Pause und dann geht es wieder weiter. Und das gab Hoffnung.

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