Im tiefen Wald, da wo das Licht spärlich durch die dichten Zweige auf den mit Moos bedeckten Boden fällt, fand ein seltsamer Kampf statt. Eine Frau stand mit dem Rücken zu einem alten Baum und versuchte sich von ihm loszureißen. Mal gelang es ihr besser, mal wieder schlechter. Eine nach Teer aussehende Masse ging vom Baumstamm zur Hinterseite der Frau und jedes Mal, wenn sie sich nach vorne bewegte, so dehnte sich die Masse und es gab Hoffnung zu entrinnen. Schweißtropfen liefen der Frau von der Stirn, doch sie kämpfte unermüdlich weiter. Ein Schritt nach vorne, dann noch einer, die Beine waren nun fast frei, es zogen sich nur noch ein paar dünne Fäden zu ihren Oberschenkeln.
Ein lauter Schrei durchzog das Dickicht des Waldes, als die Frau sich ruckartig nach vorne neigte. Es war, als ob man ihr die Haut vom Leibe reißen würde, so sehr tat es weh. Tränen schossen ihr aus den Augen, sie biss die Zähne fest zusammen und doch konnte sie den Widerstand nicht aufrecht halten und es zog sie wieder zum Baum zurück. Sie spürte, wie ihre Füße auf dem Moos glitten und konnte es nicht verhindern. Resigniert weinte sie versunken im Teer und spürte, wie ihr Körper immer tiefer eingesogen wurde. Als sie ihre Finger nicht mehr bewegen konnte, hörte sie auf einmal eine leise, raue Stimme:
- Ihr Menschen, ihr seid schon ein lustiges Völkchen.
Ah, da unten, am Boden, da stand ein Wesen, das der Frau nicht mal bis zum Knöchel gereicht hätte. Es war rundlich, hatte ein bodenlanges einfaches Kleid mit einer Schürze und eine rote, spitze Mütze an. Es kam ein wenig näher.
- Ich verstehe nicht, wie ihr überhaupt so lange auf dieser Erde überlebt habt, - fuhr die kleine Zwergendame fort.
Die Frau seufzte. Nicht nur, dass sie hier fest saß, nein, nun hatte sie auch noch Halluzinationen. Vielleicht hat sie sich den Kopf angestoßen, als sie zurück gezogen wurde? Aber es ist immerhin einer, mit dem man reden kann, dachte sich die Frau und fragte:
- Was meinst du damit?
- Na, dass ihr immer gegen etwas kämpft, noch bevor ihr euch damit auseinander gesetzt habt. Erst mal volle Pulle los, dann sehen wir schon weiter.
- Wie soll ich mich bitte mit diesem Zeug auseinander setzen? - zischte die Frau wütend.
- Es ist schwarz, es ist klebrig, es lässt mich nicht los…
- Das sind deine Schlussfolgerungen, - unterbrach die Zwergin die Frau. - Das lässt viele Fragen offen. Wie sieht es mit den Ursachen aus? Mit den Wurzeln? Wie bist du da hinein geraten?
- Ich habe mich an den Baum gelehnt und ehe ich mich versehen habe, steckte ich fest.
- So einfach ist das nicht. Als du dich angelehnt hast, was hast du dabei gedacht?
Die Frau hielt inne und dachte angestrengt nach.
- Ich habe mich schmerzlich daran erinnert, dass ich als Kind oft das Gefühl hatte, eine Last zu sein.
- Und?
- Nichts und. Dann war ich fest.
- Das wird hier noch länger dauern, - sagte die Zwergin und ließ sich auf einen Pilz nieder. - Zeit, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Gertrudiana, viele nennen mich auch Ana. Wer bist du?
- Ich bin Anna, - sagte die Frau zögerlich.
- Na, das wären wir fast Namensvetter. Nenne mich lieber Diana.
Die Zwergendame holte aus ihrer Umhängetasche eine winzige Flasche heraus, trank einen Schluck und sah die Frau am Baum eindringlich an.
- Normalerweise mischen wir uns nicht in Menschenangelegenheiten an, aber du brüllst hier so laut, dass die Tiere panisch davon laufen.
- Es tut halt weh! - brummte Anna.
- Ja-ja, ich verstehe es. Deshalb will ich dir helfen.
Anna lächelte schwach.
- Wie willst du mir helfen, mich von dem Baum loszureißen? Du bist so winzig.
- Manchmal glaube ich, dass je größer jemand ist, desto größer seine Dummheit ist. So als ob Blödheit mit der Körpergröße mitwächst.
- Willst du mir helfen oder mich fertig machen? - fragte Anna beleidigt.
- Entschuldige, war nicht ernst gemeint. Ich ärgere mich gerade auch nur über dich. Warum willst du dich losreißen?
- Weil ich hier weg will? - empörte sich Anna.
- Und wenn der Baum dich selbst loslassen würde?
- Wie das denn, bitte sehr?
- Hast du schon versucht mit ihm zu reden?
- Nein, ich bin doch nicht verrückt! - rief Anna.
- Aber du redest gerade mit etwas, das du für eine Einbildung hältst. Warum versuchst du es nicht mal?
- Okay. Baum, lass mich los! - brüllte Anna, es passierte nichts, außer dass ein paar Vögel in die Baumkronen flogen.
Diana schüttelte den Kopf.
- Na gut, Baum, lass mich bitte los, - bat Anna freundlich und es änderte sich wieder nichts.
- Genau das meine ich, - sagte Diana. - Dumm wie Stroh. Verzeih, ich meine es nicht so. Weißt du was das ist, das dich da fest hält? Nein, es ist nicht einfach Teer, frag doch mal.
- Was bist du? - fragte Anna und hörte ein Stöhnen.
- Deine Vergangenheit, - ächzte es aus dem Baum.
- Warum hältst du mich fest? - fragte Anna weiter und Diana nickte anerkennend.
- Du hältst dich an mir fest, - kam als es Antwort.
- Ich? Wie das denn bitte? - wurde Anna wieder ärgerlich.
- Deine Gedanken… - dröhnte es von den Wurzeln des Baumes herauf.
Anna sah die Zwergendame fragend an und als sie nicht einmischte, fragte sie weiter:
- Was ist mit meinen Gedanken?
Es blieb still und Anna versuchte sich wieder vom Baum loszureißen.
- Versuch doch mit der Antwort was anzufangen. Welche Gedanken könnten es sein, die dir weh tun, indem sie dich an die Vergangenheit fesseln? Was kannst du nicht loslassen?
- Es lässt MICH nicht los! Ich hätte am liebsten schon längst alles vergessen! - rief Anna und das Herz klopfte ihr im Hals.
- Typischer Opfermodus, - hörte Anna da eine zweite Stimme und sah einen Zwerg hinter dem Gebüsch hervor kommen. Er war kaum größer als Diana und kam auf sie zu.
- Gregi, was machst du den hier? - fragte Diana.
- Dich abholen. Es ist doch sinnlos, siehst du es nicht? Die wird es nie verstehen.
- Was werde ich nicht verstehen? - wandte sich Anna an den Zwerg.
- Welche Gedanken sind es? - fragt er.
- Na so was wie „Ihr seid mit mir überfordert. Ich bin zu viel.“
- Und was hält dich davon ab, es in der Vergangenheit zu lassen? - fragte der Zwerg Anna und wandte sich zur Zwergin. - Liebling, lass uns gehen.
- Nein, warte! Bitte gib mir eine Chance, es zu verstehen! - flehte Anna. - Ich… Ich kann es nicht loslassen, weil… Na, weil es weh tut! - strahlte sie, als ihr die Antwort in den Sinn kam.
- Es ist wie ein Holzsplitter, der in der Haut steckt und weh tut. Jedes Mal, wenn ich diese Stelle berühre, so schmerzt es fürchterlich, - erklärte Anna eifrig.
- Dann hol den Splitter eben raus und hör auf zu flehmen, - fuhr der Zwerg sie an.
- Und wie soll ich das anstellen? Eine Pinzette für Seelensplitter gibt es nicht! - Anna war kurz davor wieder wütend zu werden.
- Wie dumm ihr Menschen doch nur seid! - rief der Zwerg. - Hast du es schon mal mit Vergebung probiert? Hast du dir schon mal gedacht, dass die Menschen, wegen der du diese Überzeugungen in deinem Kopf hast, es nie böse gemeint haben? Mehr noch: DU wolltest es so.
- Wer ich? Spinnst du? Wer will schon Schmerz?
- Es ist eine Erfahrung, wenn man die negative Wertung weg lässt. Nur eine Erfahrung und der andere hat es dir möglich gemacht. Und du grollst nur auf ihn.
- Tue ich nicht! Ich habe schon allen vergeben.
- Ach ja? Und warum lässt du dich dann noch vom Alten fest halten? Warum siehst du im Hier und Jetzt nicht, dass du schon lange nicht mehr zu viel bist oder jemanden überforderst? Du bist okay, so wie du bist. Wir sind alle vollkommen, so wie wir sind.
- Gregi, ich glaub, das hat wirklich keinen Sinn, - unterbrach ihn Diana. - Das ist wahrscheinlich zu viel für die großen Köpfe der Menschen. Lass uns gehen.
Und schon waren die beiden hinter dem nächsten Moos bewachsenem Hügel verschwunden.
- Ich bin in Ordnung, so wie ich bin, - wiederholte Anna leise und spürte auf einmal, wie ihr linkes Bein frei wurde.
- Ich bin nicht zu viel, - sagte sie schon etwas lauter und spürte wie das Teer sich vom rechten Bein löste.
- Ich überfordere niemanden, - sagte sie mit einer festen Stimme und Tränen flossen ihr übers Gesicht. Es waren jedoch Tränen der Erleichterung. Anna hob die Arme nach vorne und das Teer zog keine schmerzenden Fäden hinter ihnen her.
- Ich danke euch für diese Erfahrung! - rief sie in den Wald und machte einen großen Schritt nach vorne. Diesmal war es ganz anders, es tat überhaupt nicht weh.
Als Anna sich umdrehte, sah sie jedoch einen blühenden Baum
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