Montag, 20. April 2026

Das sprechende Zebra und das dritte Geschlecht

Es war ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Tierpark: Menschen bummelten von einem Gehege zum anderen und bestaunten die Vielfalt der Natur. An einem Gehege standen zwei Frauen.

- Agnes, ich würde mich dann verabschieden, - sagte die eine zur anderen.

- Es war spannend hier, danke für die Einladung. Ich bleibe noch ein wenig hier, - antwortete die andere.

Die Frauen umarmten sich herzlich und eine ging zum Ausgang, die andere spazierte gedankenverloren zu den Wildpferden. Die Schönheit der stolzen Wesen hat es Agnes angetan und sie wollte noch ein paar Skizzen für den nächsten Kunstunterricht machen. Als sie nach einer gewissen Zeit einige Zeichnungen in ihrem Sketchbook fertig hatte und sich schon auf den Heimweg machen wollte, fiel ihr Blick auf ein Schild an einem Zaun.

Indisches Zebra“ verkündete die geradlinige Schrift auf dem Holzbrett.

- Gibt es in Indien Zebras? – dachte Agnes laut nach und suchte neugierig mit den Augen das Gehege nach diesem interessanten Tier ab.

Da bewegte sich ein Busch und man sah ein braunes, kurzbeiniges Pferd mit dunklen Streifen auf dem Rücken. Es graste friedlich und schaute kurz zur Besucherin hoch. Gibt es da vielleicht eine leckere Möhre oder einen Apfel? Nein? Okay, dann weiterhin Gras zupfen und doch die Frau am Zaun im Auge behalten. So kam das Pferd unauffällig näher.

- Du bist irgendwie wie mein Sohn, - sagte Agnes nachdem sie das Tier länger beobachtet hatte.

- Hat er auch Streifen? - fragte das Zebra und Agnes wich erschrocken zurück. Sollte die Freundin doch Recht gehabt haben? Sollte Agnes weniger arbeiten? Jetzt hört sie schon Pferde sprechen.

Das Zebra schnaubte und sah Agnes fragend an.

- Nein, er hat keine Streifen, - antwortete sie leise und zögernd. Das Zebrag legte den Kopf leicht zur Seite, so als ob es sagen wollte, sprich weiter, ich verstehe dich nicht.

- Naja, auf dem Schild steht „Zebra“, aber ich sehe hier kein Zebra. Mein Sohn sagt, er sein eine Frau, aber ich sehe es einfach nicht. Ich sehe einen jungen Mann.

- Interessant, - entgegnete das Zebra und sah kauend und nachdenklich zum Himmel.

- Ihr Menschen seid echt eine interessante Spezies. Ihr wollte allem einen Namen geben und wenn der Name dann nicht zum Ding passt, seid ihr aufgewühlt. Neulich habe ich einer Diskussion von zwei Erzieherinnen gelauscht. Die eine behauptete, es gäbe nur zwei Geschlechter und die zweite meinte, das Europa so fortschrittlich wäre, dass man hier schon ein drittes Geschlecht definiert hätte.

Agnes lauschte diesem Monolog wohl genau so voller Interesse wie das Zebra damals dem besagten Gespräch.

- Es war so witzig, dass ich so stark wiehern musste, bis ich Schluckauf bekam.

- Haben Pferde denn auch Schluckauf? – fragte Agnes erstaunt.

- Ja, klar! Und ich lasse dich jetzt einfach in dem Glauben, dass ich auch ein Pferd bin, obwohl da etwas anderes drauf steht, - es folgte ein Wink mit dem Kopf Richtung Schild.

- Ich sehe ein Pferd, ich sehe kein Zebra.

- Von mir aus. Mir egal, was ihr Menschen für Begriffe habt. Die eine Erzieherin wollte der anderen damals erklären, dass es Menschen weh tut, wenn man sie anders bezeichnet, als sie es sich wünschen, aber da hat sich eines der Kindergartenkinder am Zaun einen Holzsplitter geholt und das Gespräch war zu Ende.

- Was fandest du so witzig, dass du bis zum Schluckauf wiehern musstest? – kam Agnes auf die erste Aussage zurück.

- Ihr Europäer haltet euch für so modern und gebildet, - prustete das Zebra belustigt.

- Sind wir das nicht?

- Meine Verwandten aus Afrika haben mir erzählt, dass ihr während der Kolonisation die Weisheit von der freien Natur eines Menschen ausgelöscht habt. Es gab dort Stämme die dem Kind bis zum fünften Lebensjahr überhaupt kein Geschlecht zuwiesen. Und in anderen Orten war das bis zur Pubertät. Da musste sich der Mensch erst entscheiden, was er wird, Mann, Frau oder eben keines von beidem.

- Wie soll das gehen? Keines von beidem? – schüttelte Agnes den Kopf.

- Das waren dann manchmal Schamanen, manchmal Weissager, manchmal aber auch einfach Menschen, die ihr Leben lebten und entweder einen gleichgeschlechtlichen Partner oder keinen hatten.

- Das ist seltsam.

- Oh, das macht ihr Menschen auch gern. Einfach alles, was irgendwie anders ist, gleich zu verurteilen und als „strange“ abstempeln. Es ist wie es ist. Es gab in Afrika bis zur Missionierung in vielen Siedlungen keine strikte Trennung auf Geschlechter. Und bevor du mir jetzt sagst, dass das ja nur in Afrika so war, dann muss ich dir von einem Freund aus Samoa erzählen.

- Samoa? Gibt es dort auch Zebras? – fragte Agnes ungläubig.

- Dass in meinem Freundeskreis andere Tierarten auch dabei sind, schließt du völlig aus? Er erzählte mir jedenfalls, dass es dort seit sehr langer Zeit Fa’afafine gibt. Männer, die sich wie eine Frau verhalten und in vielen Pflegeberufen hoch angesehen werden.

Agnes konnte es irgendwie nicht glauben und machte sich heimlich Notizen. Zu Hause würde sie das nochmal im Internet recherchieren.

- Und wenn man diesem Schild glaubt, dann komme ich aus Indien. Und dort gibt es schon seit Jahrtausenden Hidschras.

- Das sind doch Eunuchen auch in Pakistan und Bangladesch, oder? Davon habe ich mal was gelesen. Den Männern werden die Genitalien abgeschnitten oder verstümmelt.

- Kleine Korrektur: Sie lassen es sich entfernen. Warum? Weil sie eine starke Abneigung gegen den eigenen Körper haben.

- Du sprichst von Dismorphobie? – trumpfe Agnes mit einem Fachbegriff und musste kurz schmunzeln. Wer hätte wohl gedacht, dass sie jemals sich über psychische Störungen mit einem Zebra unterhalten würde.

- Nein, bei der körperdysmorphen Störung, also bei KDS geht es darum, dass Menschen ihren Körper oder Teile ihres Körpers als abstoßend empfinden.

- Wie bei Magersucht?

- Ja, KDS ist oft ein Teil davon. Hier geht es um Disphorie. Dabei fühlen sich Menschen einfach im falschen Körper. Die Fa’fafine sowie die Hidschras empfinden sich trotz Penis und Hoden als Frau.

- Bestimmt ist es, weil die schlechte Erfahrungen mit der Männlichkeit hatten. Nach einer Traumatherapie wäre das sicher weg.

- Bist du dir da sicher? – fragte das Zebra und beugte sich vor, um sich einen Löwenzahn zu schnappen.

- Kannst du dir nicht vorstellen, dass es einfach so ist? Kannst du den Gedanken nicht zulassen, dass manche einfach im falschen Körper geboren wurden? Und es ist wirklich sehr unterschiedlich, wann sie das verstehen. Die einen nehmen das schon als Kind wahr und dann sind es Jungs, die gerne mit Puppen spielen.

- Diese Jungs sind dann oft einfach homosexuell, - entgegnete Agnes schroff.

- Ja, manchmal schon und manchmal fühlen sie sich aber auch zu Frauen hingezogen und finden dabei immer noch, dass sie im falschen Körper stecken. Diese Welt ist wie ein Diamant mit Tausend Facetten und ihr Menschen versteift euch so gerne auf die zehn, die ihr kennt.

- Dieses Anerkennen vom dritten Geschlecht gibt es nur in völlig anderen Kulturen. Also Südasien, Afrika oder eben Samoa. Da ticken die Menschen ganz anders, - warf Agnes ein neues Argument ein und dem Pferd fiel vor Erstaunen die Kinnlade runter. Man sah kurz die gelbe Blüte des Löwenzahns im Maul.

- Ganz fremde Kulturen also, - fuhr das Pferd fort, als es sich wieder gefangen hatte.

- Du hast also noch nie was von den Balkan-Eidjungfrauen gehört? – Agnes runzelte auf diese Frage die Stirn.

- Balkan das ist nicht so weit weg, oder? Wir sprechen hier von Kosovo, Bosnien, Dalmatien, Serbien und Nordmazedonien. Und die Keuschheitsgelübde wurden schon vor Jahrhunderten abgelegt. Das waren Frauen, die ein Leben als Mann gelebt haben. Und das war dort akzeptiert von der Gesellschaft. Im Gegensatz zum „modernen Europa“.

Agnes notierte sich auch diesen Begriff und dachte nach.

- All diese Menschen wollte nur eins: Erleichterung ihres Leides. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schrecklich es sein muss, sich ständig verkehrt zu fühlen. Ständig zu spüren, ich bin anders als die Umgebung und dann auch noch zu wissen, ich darf nicht anders sein. Schuld und Scham kommen da automatisch hinzu.

Die Frau schwieg betroffen und wollte etwas schon etwas entgegnen, da sprach das Pferd weiter:

- Du meinst, du bist eine liebende Mutter und siehst dabei nicht, wie du mit deinem törichten Festhalten an alten Überzeugungen dein Kind quälst und folterst.

- Das stimmt so nicht! Ich foltere niemanden! – reagierte Agnes verletzt.

- Ach ja? Du willst also sagen, dass du bereit wärst etwas anders zu sehen? Nein, du hältst an etwas Vergangenem fest. „Du warst immer ein Junge und ich kenne dich nur als Junge, also bleibst du auch ein Junge!“ Du hast schlicht und ergreifend Angst vor Veränderung und das ist echt normal und menschlich.

- Aber es tut so weh! – sprach Agnes leise und Tränen standen ihr auf einmal in den Augen.

- Der Gedanke, dass ich keinen Sohn mehr haben soll, schmerzt mich so sehr, dass es mir die Brust zerreißt, - schluchzte Agnes auf.

- Dein Kind ist nicht weg. Was da stirbt sind deine Vorstellungen davon, wie es sein soll. Kannst du dieser Trauer Raum geben?

- Was meinst du damit?

- Sich hinsetzen, sich Zeit nehmen, alle Gefühle da sein lassen, sie einfach fühlen und wieder gehen lassen.

Agnes ließ sich auf den Boden nieder, lehnte sich an den Zaun an und schloss die Augen. Tränen rollten ihr die Wangen runter.

- Die Emotion darf da sein, - wiederholte sie immer wieder leise. Ihre Hände ballten sich zeitweise zu Fäusten, ihr Kiefer spannte sich an und dann ließ sie wieder locker und weinte.

- Ich habe nun eine Tochter, - sprach sie nach einer Weile und drehte sich zum Gehege um. Sie wollte sich bei diesem komischen Zebra, das eigentlich nicht wie ein Zebra aussah, für das Gespräch bedanken, das Gehege war jedoch leer.

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