Wo bin
ich? Hab ich mich verlaufen? Ich war wohl so in Gedanken versunken,
dass ich vom Weg abgekommen bin. Und aus der Puste bin ich wohl auch
gekommen. Dieser gefällte Baum da hinten sieht einladend aus. Ich
setzte mich hin und sah mich um. Was ist das? Da unter dem Ast? Sieht
nach einer Puppe aus. Hat wohl ein Kind verloren. Aber so weit
abseits vom Pfad? Ich zog an den Beinchen und ließ erschrocken los.
Die bewegen sich! Oder hab ich mir das nur eingebildet? Ich zog
nochmal und zum Vorschein kam ein zierliches Püppchen mit Flügelchen
dran. Das niedliche Kleidchen war zerknittert und verschmutzt. Und
da, es hat sich tatsächlich bewegt! Es hat sich geschüttelt.
- Danke
für die Rettung! - das feine Stimmchen klang wie helle Glöckchen.
Wenn ich
mich nicht täusche, so nennt man solche Wesen...
- Du
bist eine Elfe, oder? Ich dachte, die gibt es gar nicht!
- Wie du
siehst schon! - entgegnete die Elfe und grinste mich frech an.
- Was
macht denn so eine hübsche Frau alleine im Wald, - neckte sie mich.
-
Spazieren gehen, - antwortete ich abwesend.
- Aber
du bist gesessen, als du mich gesehen hast, richtig?
Mensch,
die ist aber ganz schön aufdringlich.
- Hab
mich ausgeruht. Darf man das nicht? - fragte ich genervt zurück.
- Doch,
durchaus, wieso nicht. Ich habe nur das Gefühl, mit so einem fest
geschnürten Korsett kommst du eh nicht weit.
-
Korsett? Ich habe doch eine Jacke an, - wunderte ich mich.
- Ach,
ihr Menschen, ihr seht immer nur mit den Augen! Ich sehe auch mit dem
Herzen und ich sehe, wie du dir selbst die Luft abgeschürt hast.
- Wovon
redest du? - kam ich aus dem Staunen nicht raus.
- Ich
guck mir das genauer an.
Die
kleine Elfe schwang mit den glitzernden Flügeln und erhob sich von
meiner Hand. Sie drehte ein paar Runden um mich und schwebte dann vor
meinem Gesicht.
- Atme
mal tief ein, - bat sie mich.
Ich tat,
was sie sagte.
-
Tiefer!
- Geht
nicht, ich hab doch schon so tief, wie ich konnte.
- Und
dann sagst du, du hast kein Korsett!
Mein
Gesichtsausdruck war wohl aussagekräftig.
- Lass
mich mal überlegen. Ein Korsett, das ist was für Frauen, was
weibliches, dann muss es was mit deiner Weiblichkeit was zu tun
haben.
Na,
herrlich. Ich habe nicht nur Halluzinationen mitten im Wald, nein,
ein Psycholge muss es sein in Gestalt einer Elfe. Wundervoll!
- Lass
uns ein Spiel spielen! - schlug die Elfe auf einmal fröhlich vor.
- Ich
fange einen Satz an und du machst weiter, okay?
Eine
Wahl hab ich nicht wirklich. Ich nickte.
- Eine
Frau sollte...
- …
schlank und rank sein? - fragte ich unsicher.
- Eine
Frau sollte...
- Hey,
das hatten wir schon! - protestierte ich.
- Na,
und? Mach einfach noch mal!
- In
Ordnung. Eine Frau sollte gepflegt sein.
-
Gepflegt? Was heißt das?
- Sie
hat immer glatte Beine, weiche Sohlen, manikürierte Fingerchen,
saubere Haut.
Die Elfe
flog eine Schleife.
- Wow!
Das ist ganz schön viel für eine einzige Frau. Aber lass uns weiter
machen. Eine Frau sollte...
- …sexy
sein, - entsprang es meinen Lippen, noch bevor ich richtig überlegen
konnte.
- Sexy?
Wieder so ein Menschenwort, mit dem ich kaum was anfangen kann. Es
ist was schönes, oder? Aber warum zuckst du dann so zusammen, als ob
du Angst davor hättest?
Recht
hat das kleine Ding, sexy sein ist gefährlich. Da wird man irgendwie
angreifbar. Weiter habe ich nicht denken können.
- Eine
Frau sollte... - erklangen wieder die hellen Glöckchen.
- Eine
Frau sollte nicht brüllen, schreien oder ausflippen, - sagte ich
einfach, weil mir die Adjektive aus gingen.
- Wieso
nicht?
Keine
Ahnung, wieso eigentlich? Dürfen dann Männer brüllen? Oder dürfen
das doch nur Löwen? Welche Menschen dürfen denn schreien? Und warum
dürfen die Frauen es nicht?
- Ich
sehe, wir kommen der Sache näher, - ich habe gar nicht gemerkt, wie
wir in Gang gekommen sind und und durch das Dickicht des Waldes
kämpften.
- Eine
Frau hat...
- …
für Ordnung im Haus zu sorgen. Sie hat dafür zu sorgen, dass es in
der Wohnung sauber ist. Dass genug Essen im Haus ist und dass das
Essen auf dem Tisch lecker ist. Also sie soll eine gute Köchin sein,
gut kochen können.
Ich kam
auch richtig in Fahrt.
- Eine
Frau hat den Mann zu bekochen und wenn eine Familie da ist, dann eben
auch die. Eine Frau hat für den Mann zu sorgen. Was auch immer das
heißt. Er ist ja kein Kind, das gewickelt werden muss. Eine Frau hat
eine liebevolle und geduldige Mutter zu sein.
Die Elfe
blieb in der Luft hängen und sah mich mit großen Augen an.
- Echt?
Dann will ich aber keine Frau sein. Das wäre mir schon alles zu
viel.
- Das
ist aber noch bei weitem nicht alles! - sagte ich stolz.
- Eine
Frau ist schön, schlank, geduldig, sanft, liebevoll und sie ist für
das Glück des Ehemannes zuständig. Sowie für die Harmonie im Haus
insgesamt. Eine Frau ist nicht nur eine gute Köchin, sie ist auch
eine gute Bäckerin.
- Mach
mal langsam! - unterbrach mich die Elfe. - Fühle da mal rein! Eine
Frau hat dies und eine Frau hat das zu sein und zu tun. Eine Frau
soll dies und das. Eine Frau ist so und auch noch so. Ist dir klar,
dass du auch eine Frau bist? Du hast dich überall eingeschnürt.
Dieses Bild von einer Frau ist wie eine kleine Schachtel, in die du
zwanghaft versuchst, dich rein zu quetschen.
Ich
blieb wie erstarrt stehen. Sie hat so recht. Jetzt fühle ich es.
Beengend, voller Zwang und irgendwie hab ich kaum Luft zum Atmen.
- Aber
was mache ich jetzt nur?
- Was
wohl? Das Korsett aufmachen und weg werfen! Lass uns mal schauen, wo
wir eine Schnur finden, die wir aufschneiden können. Was, von dem
was du gesagt hast, klingt für dich selbst irgendwie merkwürdig?
- Naja,
dass eine Frau für das Glück eines Mannes verantwortlich ist.
- Aha,
und warum?
- Jeder
ist seines Glückes Schmied. Ich kann niemanden glücklich machen.
Wenn er glücklich und zufrieden mit dem Leben ist, dann wird er das
in meiner Anwesenheit wahrscheinlich wegen dem Spiegelgesetz stärker
spüren. Wenn er aber unglücklich und unzufrieden ist, hab ich wohl
kaum was damit zu tun.
-
Schlaues Mädchen, - die Elfe pfiff durch die Zähne und flog weiter.
Ich
hatte das Gefühl, dass sie mich aus dem Wald führen würde.
- Was
noch? - fragte sie und flog unter einem niedrig hängenden Zweig
durch.
-
Schlank? Stimmt das wirklich?
Die Elfe
drehte sich um und musterte mich eindringlich.
- Kommt
drauf an, was man unter schlank versteht. Wenn ich dich so reden
höre, dann habe ich das Gefühl, dass du dich selbst für nicht
besonders rank hältst. Aber du bist auch nicht mollig oder rund.
Wobei ich hier einige wunderschöne Frauen gesehen habe, die rundlich
wie ein süßes Brötchen waren.
- Du
hast mal wieder recht. Eine Frau ist schön, egal wie viel sie wiegt.
Die einen Männer stehen auf dünne und die anderen auf füllige.
- Was
haben bitte sehr Männer damit zu tun? - empörte sich die Elfe.
Wirklich,
was haben die damit zu tun. Hm, wir Frauen, wir wollen doch den
Männern gefallen, oder? Manche wollen auch Frauen gefallen. Aber
worum geht es denn wirklich?
- Ich
gefalle mir selbst und das ist das wichtigste! - riss mich die Elfe
aus meinen Gedanken.
- Ja, du
bist so hübsch! - entgegnete ich.
- Hast
du denn viele Elfen gesehen? Weißt du, was die Schönheit von Elfen
ausmacht?
- Nein,
ich habe noch nie Elfen gesehen und bin mir jetzt auch nicht sicher,
ob ich dich wirklich sehe.
Die Elfe
grinste wieder.
- Aber
du findest mich schön. Dabei bin ich die kleinste von allen anderen.
Schönheit hat was mit Selbstliebe zu tun. Wenn du dich liebst, dann
bist du schön. Egal ob du eine riesige Nase hast oder Augen wie
Knöpfe. Verstehst du?
Inzwischen
waren wir auf einer Lichtung angekommen und drüben plätscherte der
Bach, entlang dem der Pfad zu mir nach Hause führte.
- Ich
muss wieder zurück. Danke noch mal für die Rettung, - die Elfe
wirbelte nochmal um mich herum und schoss in den Himmel.
- Warte,
ich habe noch so viele Fragen! Was mache ich mit all den anderen
Überzeugungen?
- Komm
einfach hierher und rufe mich! - drang ihre Stimme leise aus der Höhe
zu mir.
- Mach
es gut, kleine Elfe! - winkte ich unsicher, ob sie mich sieht.
- Und
danke! - sagte ich leise mit der Sicherheit, dass sie meine
Dankbarkeit fühlt.
- Danke
für die Erkenntnisse.
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