Montag, 1. Februar 2016

Mein Coach ist eine Elfe



Wo bin ich? Hab ich mich verlaufen? Ich war wohl so in Gedanken versunken, dass ich vom Weg abgekommen bin. Und aus der Puste bin ich wohl auch gekommen. Dieser gefällte Baum da hinten sieht einladend aus. Ich setzte mich hin und sah mich um. Was ist das? Da unter dem Ast? Sieht nach einer Puppe aus. Hat wohl ein Kind verloren. Aber so weit abseits vom Pfad? Ich zog an den Beinchen und ließ erschrocken los. Die bewegen sich! Oder hab ich mir das nur eingebildet? Ich zog nochmal und zum Vorschein kam ein zierliches Püppchen mit Flügelchen dran. Das niedliche Kleidchen war zerknittert und verschmutzt. Und da, es hat sich tatsächlich bewegt! Es hat sich geschüttelt.

- Danke für die Rettung! - das feine Stimmchen klang wie helle Glöckchen.

Wenn ich mich nicht täusche, so nennt man solche Wesen...
- Du bist eine Elfe, oder? Ich dachte, die gibt es gar nicht!
- Wie du siehst schon! - entgegnete die Elfe und grinste mich frech an.
- Was macht denn so eine hübsche Frau alleine im Wald, - neckte sie mich.
- Spazieren gehen, - antwortete ich abwesend.
- Aber du bist gesessen, als du mich gesehen hast, richtig?

Mensch, die ist aber ganz schön aufdringlich.
- Hab mich ausgeruht. Darf man das nicht? - fragte ich genervt zurück.
- Doch, durchaus, wieso nicht. Ich habe nur das Gefühl, mit so einem fest geschnürten Korsett kommst du eh nicht weit.
- Korsett? Ich habe doch eine Jacke an, - wunderte ich mich.
- Ach, ihr Menschen, ihr seht immer nur mit den Augen! Ich sehe auch mit dem Herzen und ich sehe, wie du dir selbst die Luft abgeschürt hast.
- Wovon redest du? - kam ich aus dem Staunen nicht raus.
- Ich guck mir das genauer an.

Die kleine Elfe schwang mit den glitzernden Flügeln und erhob sich von meiner Hand. Sie drehte ein paar Runden um mich und schwebte dann vor meinem Gesicht.
- Atme mal tief ein, - bat sie mich.
Ich tat, was sie sagte.
- Tiefer!
- Geht nicht, ich hab doch schon so tief, wie ich konnte.
- Und dann sagst du, du hast kein Korsett!
Mein Gesichtsausdruck war wohl aussagekräftig.
- Lass mich mal überlegen. Ein Korsett, das ist was für Frauen, was weibliches, dann muss es was mit deiner Weiblichkeit was zu tun haben.

Na, herrlich. Ich habe nicht nur Halluzinationen mitten im Wald, nein, ein Psycholge muss es sein in Gestalt einer Elfe. Wundervoll!
- Lass uns ein Spiel spielen! - schlug die Elfe auf einmal fröhlich vor.
- Ich fange einen Satz an und du machst weiter, okay?
Eine Wahl hab ich nicht wirklich. Ich nickte.
- Eine Frau sollte...
- … schlank und rank sein? - fragte ich unsicher.
- Eine Frau sollte...
- Hey, das hatten wir schon! - protestierte ich.
- Na, und? Mach einfach noch mal!
- In Ordnung. Eine Frau sollte gepflegt sein.
- Gepflegt? Was heißt das?
- Sie hat immer glatte Beine, weiche Sohlen, manikürierte Fingerchen, saubere Haut.
Die Elfe flog eine Schleife.
- Wow! Das ist ganz schön viel für eine einzige Frau. Aber lass uns weiter machen. Eine Frau sollte...
- …sexy sein, - entsprang es meinen Lippen, noch bevor ich richtig überlegen konnte.
- Sexy? Wieder so ein Menschenwort, mit dem ich kaum was anfangen kann. Es ist was schönes, oder? Aber warum zuckst du dann so zusammen, als ob du Angst davor hättest?
Recht hat das kleine Ding, sexy sein ist gefährlich. Da wird man irgendwie angreifbar. Weiter habe ich nicht denken können.
- Eine Frau sollte... - erklangen wieder die hellen Glöckchen.
- Eine Frau sollte nicht brüllen, schreien oder ausflippen, - sagte ich einfach, weil mir die Adjektive aus gingen.
- Wieso nicht?

Keine Ahnung, wieso eigentlich? Dürfen dann Männer brüllen? Oder dürfen das doch nur Löwen? Welche Menschen dürfen denn schreien? Und warum dürfen die Frauen es nicht?
- Ich sehe, wir kommen der Sache näher, - ich habe gar nicht gemerkt, wie wir in Gang gekommen sind und und durch das Dickicht des Waldes kämpften.
- Eine Frau hat...
- … für Ordnung im Haus zu sorgen. Sie hat dafür zu sorgen, dass es in der Wohnung sauber ist. Dass genug Essen im Haus ist und dass das Essen auf dem Tisch lecker ist. Also sie soll eine gute Köchin sein, gut kochen können.
Ich kam auch richtig in Fahrt.
- Eine Frau hat den Mann zu bekochen und wenn eine Familie da ist, dann eben auch die. Eine Frau hat für den Mann zu sorgen. Was auch immer das heißt. Er ist ja kein Kind, das gewickelt werden muss. Eine Frau hat eine liebevolle und geduldige Mutter zu sein.

Die Elfe blieb in der Luft hängen und sah mich mit großen Augen an.
- Echt? Dann will ich aber keine Frau sein. Das wäre mir schon alles zu viel.
- Das ist aber noch bei weitem nicht alles! - sagte ich stolz.
- Eine Frau ist schön, schlank, geduldig, sanft, liebevoll und sie ist für das Glück des Ehemannes zuständig. Sowie für die Harmonie im Haus insgesamt. Eine Frau ist nicht nur eine gute Köchin, sie ist auch eine gute Bäckerin.
- Mach mal langsam! - unterbrach mich die Elfe. - Fühle da mal rein! Eine Frau hat dies und eine Frau hat das zu sein und zu tun. Eine Frau soll dies und das. Eine Frau ist so und auch noch so. Ist dir klar, dass du auch eine Frau bist? Du hast dich überall eingeschnürt. Dieses Bild von einer Frau ist wie eine kleine Schachtel, in die du zwanghaft versuchst, dich rein zu quetschen.

Ich blieb wie erstarrt stehen. Sie hat so recht. Jetzt fühle ich es. Beengend, voller Zwang und irgendwie hab ich kaum Luft zum Atmen.
- Aber was mache ich jetzt nur?
- Was wohl? Das Korsett aufmachen und weg werfen! Lass uns mal schauen, wo wir eine Schnur finden, die wir aufschneiden können. Was, von dem was du gesagt hast, klingt für dich selbst irgendwie merkwürdig?
- Naja, dass eine Frau für das Glück eines Mannes verantwortlich ist.
- Aha, und warum?
- Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich kann niemanden glücklich machen. Wenn er glücklich und zufrieden mit dem Leben ist, dann wird er das in meiner Anwesenheit wahrscheinlich wegen dem Spiegelgesetz stärker spüren. Wenn er aber unglücklich und unzufrieden ist, hab ich wohl kaum was damit zu tun.
- Schlaues Mädchen, - die Elfe pfiff durch die Zähne und flog weiter.

Ich hatte das Gefühl, dass sie mich aus dem Wald führen würde.
- Was noch? - fragte sie und flog unter einem niedrig hängenden Zweig durch.
- Schlank? Stimmt das wirklich?
Die Elfe drehte sich um und musterte mich eindringlich.
- Kommt drauf an, was man unter schlank versteht. Wenn ich dich so reden höre, dann habe ich das Gefühl, dass du dich selbst für nicht besonders rank hältst. Aber du bist auch nicht mollig oder rund. Wobei ich hier einige wunderschöne Frauen gesehen habe, die rundlich wie ein süßes Brötchen waren.
- Du hast mal wieder recht. Eine Frau ist schön, egal wie viel sie wiegt. Die einen Männer stehen auf dünne und die anderen auf füllige.
- Was haben bitte sehr Männer damit zu tun? - empörte sich die Elfe.

Wirklich, was haben die damit zu tun. Hm, wir Frauen, wir wollen doch den Männern gefallen, oder? Manche wollen auch Frauen gefallen. Aber worum geht es denn wirklich?
- Ich gefalle mir selbst und das ist das wichtigste! - riss mich die Elfe aus meinen Gedanken.
- Ja, du bist so hübsch! - entgegnete ich.
- Hast du denn viele Elfen gesehen? Weißt du, was die Schönheit von Elfen ausmacht?
- Nein, ich habe noch nie Elfen gesehen und bin mir jetzt auch nicht sicher, ob ich dich wirklich sehe.
Die Elfe grinste wieder.
- Aber du findest mich schön. Dabei bin ich die kleinste von allen anderen. Schönheit hat was mit Selbstliebe zu tun. Wenn du dich liebst, dann bist du schön. Egal ob du eine riesige Nase hast oder Augen wie Knöpfe. Verstehst du?

Inzwischen waren wir auf einer Lichtung angekommen und drüben plätscherte der Bach, entlang dem der Pfad zu mir nach Hause führte.
- Ich muss wieder zurück. Danke noch mal für die Rettung, - die Elfe wirbelte nochmal um mich herum und schoss in den Himmel.
- Warte, ich habe noch so viele Fragen! Was mache ich mit all den anderen Überzeugungen?
- Komm einfach hierher und rufe mich! - drang ihre Stimme leise aus der Höhe zu mir.
- Mach es gut, kleine Elfe! - winkte ich unsicher, ob sie mich sieht.
- Und danke! - sagte ich leise mit der Sicherheit, dass sie meine Dankbarkeit fühlt.
- Danke für die Erkenntnisse.

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