Dienstag, 3. Oktober 2023

Das Mädchen mit dem leeren Herz

Es war einmal ein Mädchen, das mit einem großen Herz zur Welt kam. Die Herzen der Kinder sind immer groß, da sie viel Liebe vom Umfeld erhalten sollen und es soll ja alles Platz und Raum haben. Das Mädchen hatte aber ein besonders großes Herz, denn es hatte noch das Herz ihres Zwillings aufgenommen, der als Engel wieder gegangen ist.

Das Herz von dem Mädchen sollte zuerst von der bedingungslosen Liebe ihres Umfelds gefüllt werden. Sie wollte spüren, dass man sie liebt, egal wie ist und egal was wie macht. Dass man sie eben frei von Bedingungen liebt. Stattdessen hörte das Mädchen, wie die Eltern sich stritten, wie die Großeltern Druck auf die Eltern ausübten und wie die Geschwister vom Umfeld angeschnauzt wurden.

Das Herz von dem Mädchen wollte mit riesiger Freude gefüllt werden. Freude darüber, dass das Mädchen in dieser Welt angekommen ist. Willkommensgrüße wollte es hören. Stattdessen bekam es Sorgen und düstere Gedanken. Ob es gerade passend ist, dass es zur Welt kam? Ob es okay ist, dass es ein Mädchen war und kein Junge? Warum der Zwilling sich so schnell verabschiedet hatte?

Das Herz von dem Mädchen sehnte sich nach Wärme und Geborgenheit. Nach dem Gefühl der absoluten Sicherheit. „Ich halte dich, ich bin für dich da, ich wünsche dir Gutes.“ Solche Worte hätten dem Herz so gut getan. Stattdessen spürte es die Erschöpfung der Mutter und ihre Überforderung. Der Vater war nicht da, weder für das Mädchen als liebevoller Papa noch als verständnisvoller Ehemann für die Mutter. Vernachlässigung war für das kleine Mädchen alltäglich. Es schrie sich die Seele aus dem Leib und gefühlt eine Ewigkeit kam keiner, um zu schauen, was los war. Kinder haben ja kein Zeitgefühl.

Das Herz von dem Mädchen wünschte sich Anerkennung und Lob über ihre ersten Fortschritte. „Seht mich an, ich kann Sachen greifen und sie schütteln! Seht, ich kann sitzen! Seht her, ich lächele zum ersten Mal. Für euch alle ist das selbstverständlich, aber für mich nicht.“ Stattdessen erhielt da Mädchen Gleichgültigkeit und Sprüche wie „Hey, die Tochter meiner Freundin hat das schon früher gemacht und kann das sowieso besser.“ Ihre Mühe wurde nicht gesehen.

Das Herz von dem Mädchen wünschte sich Zuspruch und Ermunterung als es seine ersten Misserfolge erlebte. „Ja, du hast es gut gemacht und ja, alle fallen anfangs hin. Die ersten Schritte sind nicht einfach.“ Statt solcher Worte bekam das Mädchen Forderungen zu hören, es solle sich doch nicht so anstellen und es einfach nochmal versuchen. Sie fühlte sich nicht verstanden und nicht geliebt. Sie wollte doch so gerne einfach nur Liebe.

Das Mädchen wurde älter und es kamen die ersten Interaktionen mit der Außenwelt sowie mit anderen Kindern. Dabei entstanden die ersten Konflikte und Verletzungen. Das Herz von dem Mädchen wünschte sich Trost. Eine Umarmung und Versprechen beschützt zu werden oder einmal auf das aufgeschlagene Knie pusten und ein Zauberpflaster darauf kleben. Nein, das bekam das Herz nicht. Es kamen solche Vorwürfe wie „Du bist ja selbst schuld. Warum hast du dich auf die eingelassen? Warum hast du die mit deinem Spielzeug spielen lassen? Und warum bist du so schnell gelaufen?“

Als das Mädchen eingeschult wurde war es wie alle Kinder in diesem Alter sehr neugierig und wissbegierig. Es wollte die Welt erkunden und sie begreifen. Stattdessen wurden die Tatsachen erklärt, kein Raum für eigene Erkundungsreisen. Lernen, lernen, lernen und dafür Noten erhalten. Und dann auch noch Angst vor der Strafe haben. Man weiß ja nicht, wie die Eltern auf eine schlechte Note reagieren.

Das Mädchen wurde älter und wünschte sich das Gefühl von Zugehörigkeit. Das es dieses Gefühl in der Familie nicht richtig erleben konnte, wollte das Mädchen es von den Freunden erhalten. Es wollte um jeden Preis dazugehören. Und der Preis war oft viel zu hoch. Die eigenen Bedürfnisse wurden überhört und hinten angestellt. „Die anderen sind wichtiger.“ - das ist bei weitem kein lebensunterstützender Satz.

Das Mädchen wuchs und entwickelte sich und ihr Herz blieb genau so groß. Es wurde aber irgendwie einfach nicht voll. Das, was es bekam, füllte ihr Herz nicht.

Ansprüche statt bedingungsloser Liebe.

Sorgen und düstere Gedanken statt Freude über ihr Dasein.

Kälte statt Geborgenheit und Sicherheit.

Gleichgültigkeit statt Anerkennung.

Unverständnis statt Ermunterung.

Vorwürfe statt Trost.

Lernstress statt spannender Erkundungsreisen.

Frust statt Zugehörigkeitsgefühl.

Das Herz vom Mädchen blieb leer. Die Erfahrungen wiederholten sich. „Du hast Liebeskummer und wünschst dir Trost? Du bist doch selbst schuld, dass du dich in den falschen verliebt hast.“ Wieder Vorwürfe statt Trost. Und viele Erwartungen statt bedingungsloser Liebe. „Du musst das Geschirr machen. Hast du schon die Wäsche gewaschen? Und warum haben wir wieder keinen Käse?“ Das Mädchen hatte das Gefühl, es muss zuerst viel tun, damit es geliebt wird.

Und das Mädchen versuchte ihr Bestes. Sie tauschte mit ihrer Mutter Rollen, sie sorgte für die Mutter, sie kümmerte sich um alles. Und manchmal kamen Tropfen, kleine Portionen von Liebe in Form von Anerkennung, Geborgenheit, Ermunterung, Trost und anderen Leckerlis, aber das Herz wurde davon nicht voll. Es war zu wenig.

Das Mädchen mit dem leeren Herz fühlte sich wurzellos in dieser Welt, jeder Sturm brachte ihren Lebensbaum ins Schwanken. Das Mädchen suchte überall nach der Liebe und stellte immer wieder fest, dass es am falschen Fleck suchte. Sexuelle Nähe, Alkohol und Drogen brachten keine Erleichterung.

Eines Tages traf das kleine Mädchen einen alten, weisen Mann und fragte ihn, was sie tun soll. Der alte Mann sah das leere Herz von dem Mädchen genau an und sprach:

Das was man dir nicht gegeben hat, kannst du nicht mehr von außen bekommen. Alles was du bekommen wirst, wird dir zu wenig erscheinen. Denn es wird wie ein Tropfen auf dem heißen Stein verdampfen. Nur du selbst kannst dein scheinbar leeres Herz füllen.“

Aber warum ist es scheinbar leer?“ - fragte das Mädchen.

Sieh doch mal was da alles drin ist.“

Ansprüche statt bedingungsloser Liebe.

Sorgen und düstere Gedanken statt Freude über ihr Dasein.

Kälte statt Geborgenheit und Sicherheit.

Gleichgültigkeit statt Anerkennung.

Unverständnis statt Ermunterung.

Vorwürfe statt Trost.

Lernstress statt spannender Erkundungsreisen.

Frust statt Zugehörigkeitsgefühl.

Du musst dir Zeit nehmen und all diese schmerzhaften Gefühle aus deinem Herz hoch holen, sie durchleben und sie los lassen. Dann kannst du dir selbst Geborgenheit und Anerkennung, Ermunterung und Trost sowie alles andere schenken. Und dann wirst du auch diese Gefühle von Außen in dir speichern können.“

Das Mädchen nickte und machte sich auf die Suche nach jemandem, der ihr dabei helfen könnte, ihr Herz zu reinigen. Es dauerte eine Zeit, bis auch die letzte Emotion gefühlt wurde. Es war ein leidvoller Weg, aber ist ihr neuer Weg voller Freiheit, Freude und Frieden.

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