Mittwoch, 4. Oktober 2023

Wo ist die Erwachsene?

Ich habe wie wir alle eine innere Bühne. Hinter der Bühne stehen alle meine Anteile. Je nachdem wer gerade das Rampenlicht genießt, agiere und reagiere ich eben anders.

Manchmal aber kann ich nur reagieren, denn da ist die Bühne prall gefüllt mit Darstellern. Im Grunde genommen ist es nur ein Anteil, aber er hat so viele Facetten, dass er sehr viel Raum einnimmt.

Da steht das innere Kind, das sich verlassen fühlt. Verlassen von allen. Keiner ist da, keiner steht einem zur Seite, keiner unterstützt. Dieses Kind steht mit gesenktem Kopf da, seine Arme hängen wie Seile am Körper entlang, sein Blick ist leer. Es ist erschöpft, denn es hat so oft nach Hilfe gerufen und keine bekommen. Es würde gerne weinen, aber nicht mal dafür hat es Kraft. Allein, ganz allein in dieser großen Welt.

Und neben diesem inneren Kind steht ein Mädchen, das die Schultern hochgezogen hat, als ob es versucht den Kopf zu verstecken. Ihre Arme halten ihren Oberkörper ganz fest umschlungen, ihr Blick springt von einem Punkt zum Anderen. Das Kind fühlt sich in Gefahr, es hat Angst, alles ist bedrohlich und hinter jeder Ecke könnte ein Monster sein.

Dann steht da noch ein Kind, dass die Fäuste geballt hat und jederzeit bereit ist, sich zu verteidigen. Es hat keine Angst mehr, nein, Schwäche wie Angst erlaubt es sich nicht. Es fühlt sich stark und weiß, dass es sich nur auf sich selbst verlassen kann. „Ich schaff das schon alleine, ich brauche keinen. Wenn die mich nicht beschützen können, dann mache ich es selbst,“ - denkt sich dieses Kind. Die Schultern sind angespannt, die Atmung ist oberflächlich, die Beine sind fest in den Boden gerammt und der Bauch fest hart.

Daneben steht ein Kind, das versucht Liebe durch Taten zu bekommen. „Ich werde alles tun, nur spiel mit mir. Nur hab mich lieb, bitte!“. Es kennt seinen Wert nicht, es fühlt sich wertlos. Das Kind denkt, es muss ganz viel tun, damit es geliebt wird. Anerkennung und Lob muss man hart verdienen. Man muss, auch wenn man nicht kann. Seine Schultern sind auch angespannt, aber es ist anders, als wenn man die Fäuste ballt. Es ist diese Anspannung, die man hat, wenn man einen zu schweren Rucksack trägt. Das Kind ist überfordert, aber das kann es nicht zugeben. Wenn es nicht mehr so viel erledigen kann, wenn es keine oder nicht die gewünschte Leistung erbringt, dann stirbt die Hoffnung Liebe zu erhalten.

Und noch ein Kind ist auf der Bühne zu erkennen. Es trägt viele Sorgen mit, es denkt viel über seine Vergangenheit und seine Zukunft nach. Und so kann es sich nicht über die Gegenwart freuen. Es ist zu sehr mit seinen düsteren Gedanken beschäftigt. Man hätte damals anders handeln können, anders sprechen sollen, etwas vielleicht erst gar nicht sagen. Und wenn es nach vorne blickt, dann malt es schwarz. Es kann so viel schlimmes passieren. Es hat so viele Ängste und Befürchtungen. Es such die Sicherheit und findet sie nicht. Daher ist dieses Kind immer unruhig, es fühlt sich getrieben, es kann nicht entspannen.

Seht ihr auch dieses frierende Kind, das sich nach Wärme und Geborgenheit sehnt? Das Mädchen ist bereit, jeden Ersatz zu nehmen, der ihr geboten wird. Nähe in egal welcher Form wird freudig akzeptiert, auch wenn es spürt, dass es nicht die richtige ist. Es ist als ob man eine warme Socke angeboten bekommt, obwohl einem die Ohren frieren. Und trotzdem nimmt man die Socke an, weil es ja immerhin etwas Wärmendes ist. Verzweiflung spiegelt sich in den Augen dieses Kindes. „Ich bin mit allem zufrieden, was du mir gibst. Solange du mir überhaupt etwas gibst.“ Seinen wahren Wert kennt es auch nicht, es befürchtet, dass wenn es dieses Angebot abschlägt, das nächste Mal gar nichts mehr angeboten wird. Dieser Anteil sagt ja zu einem Filmabend, obwohl Kuscheln lieber wäre. Ja zu Sex, obwohl es schöner wäre, einfach nebeneinander zu liegen.

Als ob die innere Bühne schon für diese Anteile nicht schon zu klein wäre, nein, da sind noch mehr innere Kinder. Es steht auch ein Kind voller Frust da, mit einem Gefühl von nicht Zugehörigkeit, das so groß ist, das es wie ein schwarzes Loch aussieht. Und daneben noch eines, dass schon so viel gelernt hat und noch mehr lernen soll. Da ist Widerstand statt Neugierde und Erkundungsdrang. Wir sehen auch ein Kind, das sich Trost gewünscht hätte und keinen bekommen hat und daher keine Hoffnung hat, dass es welche jemals bekommen würde. Auch ein Kind, das Unverständnis statt Ermunterung erhalten hat, sehen wir auf dieser Bühne.

Es sind so viele Kinder und eigentlich stehen sie nicht einmal still. Sie stehen auf der Bühne, aber das heißt nicht, dass sie sich nicht bewegen. Sie wuseln, sie rennen, sie fallen, sie vermischen sich, sie weinen und schreien, sie kämpfen und verteidigen sich. Es ist absolutes Chaos. Man kann nichts erkennen und es auf dieser Bühne kein Raum für einen Erwachsenen, der alle zur Ordnung rufen würde oder der allen das geben könnte, was sie brauchen.

Bedingungslose Liebe statt Ansprüche.

Freude über ihr Dasein statt Sorgen und düsterer Gedanken.

Geborgenheit und Sicherheit statt Kälte.

Anerkennung statt Gleichgültigkeit.

Ermunterung statt Unverständnis.

Trost statt Vorwürfe.

Spannende Erkundungsreisen statt Lernstress.

Zugehörigkeitsgefühl statt Frust.

Es ist so verdammt schwer in dem Moment, wenn all diese Kinder auf der Bühne stehen, den Erwachsenen herzuholen. Vielleicht wäre es aber hilfreich all diese Kinder zu benennen. Dann könnte ich in Zukunft sehen, wer am lautesten posaunt, wer die Hauptrolle spielt. Ja, ich werde sie alle irgendwann benennen. Das ist eine gute Idee.


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