Dienstag, 25. November 2025

Die weiße Leinwand

https://www.amazon.de/Blanko-Papierrollen-Kalligraphie-Hochzeitsgel%C3%BCbde-Einladungen-Renaissance-Festivals/dp/B0BBKK9VPF
Bildquelle

Hoch in den Bergen windet sich ein Pfad hinauf, auf dem zwei Männer mühsam und doch stetig voran kommen. Ihr Ziel ist ein kleines Kloster auf dem Gipfel, man sieht von weitem seine Turmspitze und hört auch immer wieder leise die Gebetsglocken erklingen.

- Glaubst du, der große Meister weiß alle Antworten? – fragt einer den anderen.

- Kommt wohl auf deine Fragen an, - schmunzelt der etwas ältere Mann. Er hat es sich zum Ziel gesetzt keine Ziele mehr zu setzen. Er genießt diesen Weg, er geht ihn ohne zu hoffen, dass er möglichst schnell ankommt. Er sucht nicht nach Antworten.

Schon bald erkennen die beiden bunte Fähnchen, die um den Torbogen flattern. Darunter steht ein hagerer Mann und schaut die Gäste freundlich an.

- Möge euch ein langes und glückliches Leben beschert sein, - begrüßt ihn der erste.

- Ich sehe das Licht in dir, - fügt der andere hinzu und verbeugt sich leicht vor dem Meister.

- Auch euch ein langes und glückliches Leben, - nickt der Meister.

- Ich sehe das Licht in euch. Ihr seid bestimmt müde vom langen Weg, - fügt er hinzu.

Während sie den Weg zu zwei kleinen Bänken mit einem Tisch entlang schreiten, zupft der jüngere Schüler den älteren am Ärmel.

- Hast du gehört? – flüstert er.

- Er sagte, er sieht das Licht in uns. In uns! Er denkt, ich bin auch erleuchtet!

- Das Licht ist immer in uns allen, auch in den schwersten Verbrechern, - entgegnet der Ältere, worauf der Jüngere nur ungläubig den Kopf schüttelt.

Alle drei setzen sich und der Meister schenkt klares Wasser aus, er lässt die Schüler trinken und durchatmen.

- Was führt euch zu mir? – fragt er schließlich.

- Wir suchen nach Antworten, - hebt der Jüngere den Blick von seinem Becher.

- Interessant. Auf welche Fragen?

Der Wind rauscht leise und im Hintergrund plätschert fröhlich ein Bach, die Schüler denken nach.

- Oh, Meister! Ich habe so viele Fragen, dass ich mich nicht entscheiden kann, welche ich zuerst stellen soll, - beklagt der erste Schüler.

Der Meister zieht daraufhin aus seiner Gürteltasche eine Papierrolle auf zwei Holzstäben und Kohlestifte hervor.

- Dann lass deinen Geist zur Ruhe kommen und male deine Gedanken und Gefühle.

Eine Zeit lang malen die Schüler und schauen dann den Meister fragend an.

- Seht euch das Bild an. Seht, wie viel darauf entstanden ist? Das sind eure Gefühle und Gedanken. Und seht ihr trotzdem die weiße Leinwand unten drunter schimmern? Die weiße Leinwand ist da, trotz allem, was auf ihr drauf ist.

Mit diesen Worten rollt der Meister die Holzstäbe und schon verschwindet das Bild in der Rolle und es ist wieder nur eine weiße Oberfläche zu sehen.

- Ihr könntet hier genauso weiter malen und ich könnte dann wieder rollen und so könnten wir das ewig weiter machen, - erklärt der Meister mit ruhiger Stimme.

- Aber irgendwann ist das Papier doch zu Ende, oder? – fragt einer der Schüler.

- Vielleicht, - schmunzelt der Meister.

- Wichtig ist dabei das Sinnbild von der weißen Leinwand. Wir alle sind Licht, bei manchen sind aber sehr viele Schichten Farbe über dem weißen Papier, sodass man es nicht mehr erkennen kann. Es ist jedoch da.

- Auch in den schlimmsten Kriminellen dieser Welt? - fragt einer der Schüler.

- Ich habe nun so viel Mitgefühl mit diesen Menschen, - sagt der andere.

- Wie schlimm muss es sein, nicht mehr zu fühlen, wer du wirklich bist? Wie groß muss die Sehnsucht sein diese Leere in einem zu füllen?

- Nicht nur ich habe so eine Leinwand, - flüstert der erste Schüler.

- Ja, wir sind alle gleich. Und wie sehr täuschen wir uns, wenn wir den anderen betrachten und denken, er hat die gleichen Symbole auf seinem Bild, - setzt der zweite hinzu.

- Und doch ist die Leinwand bei jedem gleich, - spricht der Meister mit einem milden Lächeln.

- Mehr noch, - führt er fort. - Wir alle teilen uns eine Leinwand. Wir sind alle verbunden, wir sind alle eins. Wenn du inneren Frieden findest, so beeinflusst das deine Mitmenschen.

Tiefes Schweigen breitet sich über dem Tisch aus. Es ist für die Schüler nicht einfach zu begreifen, dass sie nicht getrennt voneinander sind, sie fürchten um ihre Identität.

Wer bin ich, wenn ich meine Rollen fallen lasse?

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Bruder, Sohn, Vater oder Schüler bin?

Wer bin ich, wenn ich nichts mehr habe, das mich von den anderen unterscheidet?

- Du bist Licht, - die letzte Frage hatte einer der Schüler wohl laut ausgesprochen und der der Meister beantwortet sie.

- Wir alle erleben viel, denken viel, fühlen viel. Und das darf alles sein. Das Papier ist geduldig, hier kann alles entstehen und gehen. Du bleibst das Weiß der Leinwand. Wie die Welle und das Meer. Du bist das Meer und du bist die Welle. Wenn die Welle vergeht, bleibt das Meer, - erklärt der Meister.

- Wie die Wolken am Himmel, - sagt einer der Schüler und der zweite schaut ihn fragend an.

- Ich bin der blaue Himmel. Da können Ärger und Wut Gewitterwolken sein, Traurigkeit Regenwolken in Form und schöne Schäfchenwolken in Form der Freude und Leichtigkeit. Und alles darf kommen und wieder gehen. Ich brauche nichts zu tun, ich brauche nicht zu reagieren.

- Vollkommen richtig, - nickt der Meister.

- Aber dann bin ich unbeschützt! – ruft einer der Schüler. - Dann bin ich angreifbar!

- Vor wem willst du dich schützen? Vor der anderen Welle? - beruhigt ihn der Meister.

- Wenn sich dich umstürzt, dann löst du dich in ihr auf und kommst zurück zum Meer und entstehst wieder als neue Welle. Du brauchst keine Angst zu haben deine Identifikationen fallen zu lassen, denn du weißt, dass ist nur etwas, das auf der Leinwand entsteht und wieder geht. Du bleibst aber die Leinwand. Du bleibst Licht. Urteile nicht und du wirst ein glückliches Leben haben. Das ist das Geheimnis des Nichtstun.

Mehr muss nicht gesagt werden. Die Schüler bedanken sich beim Meister und versprechen sich, dass sie von nun an jeden Tag mehr meditieren werden, um diese weiße Leinwand noch deutlicher zu fühlen, die wir alle sind.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen