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Ein herrlicher Herbsttag neigte sich langsam dem Ende zu, die letzten Sonnenstrahlen streiften die bunten Blätter auf den Bäumen. Ein älterer Herr stand am Parkrand und schmunzelte, sein Golden Retriever tobte im raschelnden, herab gefallenen Laub. Der Mann behielt den Hund im Blick und ging zu einer Parkbank. Mit dem Alter konnte er nicht mehr so viel stehen. Auf der Bank saß jedoch bereits jemand.
- Ist hier noch frei? – fragte der Mann höflich und die Frau nickte.
- Der Hund ist noch jung, oder? – fragte die Frau nach einer Weile und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sah, wie der Rüde sich im Laub wälzte.
- Ja, - nickte nun der Mann. - Meine Enkelin ist im Urlaub und ich darf „babysitten“, - der Mann deutete Gänsefüßchen mit den Fingern an.
- Babysitten? – die Frau atmete lang und beschwerlich aus.
- Ich weiß nicht, wie man das heute nennt. Dogsitten? Ich passe halt auf den Hund auf. Kinder hat die Enkelin selbst noch keine.
- Manchmal denke ich, dass es auch gut so ist, - seufzte sie.
- Warum? – kam darauf die Frage.
- Da kommt so ein kleines Wesen auf diese Welt und du schließt es fest in dein Herz und dann sagt es auf einmal, lass mich in Ruhe und kracht die Tür hinter sich zu.
- Oh, Teenager? – fragte der Mann mitfühlend und die Frau gab einen noch tieferen Seufzer von sich.
- Ja, das ist die Ironie des Lebens, - fügte er hinzu.
- Haben Sie einen Sohn oder eine Tochter? – fragte die Frau vorsichtig.
- Beides, - lächelte der Mann. - Und drei Enkel, - fügte er stolz hinzu.
Beide schwiegen kurz, die Frau wirkte traurig, auf dem Gesicht des Mannes spiegelte sich Besonnenheit und Zufriedenheit.
- Das ist der Lauf der Dinge, so ist es in der Natur, - führte er das Gespräch weiter.
- Wenn die Kinder klein sind, gibt man ihnen ein Nest und wenn sie größer werden, dann gibt man ihnen Flügel.
- Und wenn diese Flügel sie nicht gut genug tragen und sie zu Boden stürzen? – fragte die Frau kaum hörbar.
- Oh, sie werden oft fallen, das gehört dazu. Sie müssen ihre Erfahrungen machen. Entschuldigung, wenn sich das so plump anhört, aber so ist es nun mal. Man begleitet die Kinder eine Zeit lang, dann geht man getrennte Wege und trifft sich doch immer wieder.
- Eben! Immer wieder! – fing die Frau wütend an und fügte leiser und führte dann leiser wieder fort: - Und wenn die Kinder dann gar nicht wieder kommen?
- Oh, dann hat wohl einer zu stark an der Nabelschnur gezogen, - antwortete der Mann sanft.
- Nabelschnur? Meinen Sie bei der Geburt?
- Nein, ich meine es bildhaft. Zwischen Eltern und Kindern gibt es eine nicht sichtbare Verbindung, so eine Art Nabelschnur. Das ist wichtig, denn nur so kann die Mutter z. B. sagen, was dem Kind fehlt oder gut tut. Und das Kind fühlt über diesen Kanal, aha, die Mama ist da, ich kann mich auf sie verlassen. Verstehen Sie? – die Frau nickte.
- Je älter das Kind wird, desto dünner wird diese Schnur, - fuhr er fort. Sie zieht sich in die Länge und im Idealfall reißt sie nie. Wenn sie am Anfang so dick ist wie ein Schiffstau, so ist es irgendwann nur noch ein kilometerlanger Seidenfaden.
- Seide ist elastisch, richtig?
- Ja, darauf wollte ich hinaus. Wenn alles gut läuft, dann ist die Schnur dehnbar und doch sehr stabil. Hält eine der beiden Seiten jedoch zu sehr fest oder zieht sogar stark daran, dann kann sie wie ein Gummi zurück schnallen.
- Das hört sich schmerzhaft an, - setzte die Frau ein.
- Und wie! Das tut Eltern und Kindern weh. Egal wie sehr die Jugendlichen rebellieren, so wollen sie doch noch spüren, dass da ein Ersatzflughafen da ist.
- Ersatzflughafen? – fragte die Frau empört.
-
Was ist die größte Aufgabe eines Puber-Tiers? – fragte der Mann
und antwortete selbst:
- Erwachsen werden. Das bedeutet
unabhängig werden. Separation und Autonomie, das sind gesunde
Grundbedürfnisse. Sie wollen sich von den Eltern wegschieben, aber
wollen auch wissen, dass wenn da draußen irgendwas nicht gut läuft,
sie immer noch zurück kommen können. Ersatzflughafen halt.
- Das ist unangenehm zu wissen, dass man nur noch für solche Fälle da ist, - sagte die Frau gekränkt.
- Das verstehe ich, aber das gehört eben dazu. Diese beiden Grundbedürfnisse, wenn sie aus irgendwelchen Gründen nicht erfüllt werden, dann bleibt das Kind innerlich ewig Kind und lebt bis zum Tod mit den Eltern.
- Ich will ja nicht, dass er ewig bei mir bleibt, - widersprach die Frau.
- Ein Sohn also, - fragte der Mann. – Das macht die Sache schwieriger.
- Warum? – fragte die Frau neugierig.
- Da spielen zwei Faktoren eine Rolle, - sprach der Mann und suchte kurz mit den Augen seinen Hund, der weiterhin auf dem Rasen tobte und Blätter jagte.
- Erstens haben junge Männer mehr dem Druck der Gesellschaft, dass sie erfolgreich sein sollen. Leider ist es immer noch so, dass viele Menschen denken, dass man das nur dann ist, wenn man viel Geld verdient. Für die Heranwachsenden heißt das, dass sie etwas finden müssen, was ihnen Freude macht und das auch noch gut bezahlt wird.
- Ja, Selbstfindung ist eine große Aufgabe, - stimmte die Frau zu.
- Und das zweite Problem ist, dass sie eine Frau sind, - fügte der Mann hinzu und hob beide Hände im Versuch den Ärger der Frau zu beruhigen.
- Lassen Sie mich kurz weiter erklären und dann sehen wir, ob es auf sie überhaupt zutrifft, - die Frau nickte mürrisch.
- Sagt Ihnen der Begriff Ödipus-Komplex etwas? Sigmund Freud hat den Begriff aus der griechischen Mythologie genommen. Da gab es einen Ödipus, der seinen Vater umbrachte, um seine eigene Mutter zu heiraten. Ein wichtiger Entwicklungsschritt jedes Kindes ist, dass es das gegengeschlechtliche Elternteil begehrt...
- Alle kleinen Töchter wollen ihren Papa heiraten und alle Jungs ihre Mutter? Davon habe ich schon mal was gehört, - unterbrach die Frau den Mann.
- Ja, und da Männer klar wissen, das Pädophilie unter strengem Verbot steht, können sie sich von ihren Töchtern besser abgrenzen als Frauen. Das ist aber nur meine Theorie. Sicher ist aber, dass viel mehr Frauen ihre Söhne als Partnerersatz missbrauchen, als Väter ihre Töchter.
- Partnerersatz? – fragte die Frau leise und versank in sich.
Sie sah zum blauen Himmel, der immer weniger strahlte, die Sonne berührte schon die Baumwipfel. Der Mann sagte nichts mehr, er beobachtete wieder schmunzelt den spielenden Hund und ließ die Frau verschiedene Situationen im Leben analysieren. Nachdem der letzte Sonnenstrahl hinter den Baumspitzen verschwand, wurde es spürbar kühler und die Frau warf sich eine Jacke über.
- Auch wenn es weh tut, es mir einzugestehen, so sehe ich jetzt, dass ich meinen Sohn wohl öfter wie einen Partner behandelt habe und auch die gleichen Erwartungen hatte.
- Es ist gut, dass Sie das erkennen, denn nur Sie können Ihre Haltung ändern.
- Und was mache ich mit dieser Nabelschnur? – erinnerte sich die Frau an den Vergleich.
- Nicht daran ziehen und auch nicht fallen lassen? – fragte der Mann zurück.
Die Frau bedankte sich beim älteren Herr und beiden verabschiedeten sich herzlich von einander.
- Vielleicht trifft man sich ja wieder, - fiel noch bevor jeder in sein warmes Zuhause eilte.

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