Montag, 16. März 2026

Du tust mir weh

Manche Menschen greifen zur Zigarette, wenn sie Stress oder Probleme haben, manche zur Flasche. Die einen gehen ins Fitness-Studio und schwitzen dort bis zum Umfallen, die anderen sind Meister darin so zu tun, als ob es gar kein Problem gäbe.

Und ich? Ich gehe in den nächstgelegenen Park, wo eine uralte Eiche steht. Und unter der Eiche steht eine sehr gemütliche Parkbank, auf die ich mich auch niederlasse. In meiner Tasche habe ich hochqualitativen, wenig gesalzenen Schinken für eine besondere Helferin: Eine sprechende Katze.

Beim ersten Treffen vor vielen Jahren wollte ich mich in die Psychiatrie einweisen lassen. Damals kam ich aufgelöst in den Park, mir war zum Heulen zumute, ich war verzweifelt und wusste einfach nicht weiter. Als ich mich auf die Bank setzte und mein Sandwich mit dem besagten wenig gesalzenen Schinken heraus holte, kam vom Baum eine schwarze Katze herunter. Sie sah zwar gut genährt und absolut nicht nach Straßenkatze aus, aber sie zeigte so intensives Interesse an meinem Sandwich, dass ich ihr ein Stück abbrach und auf die Bank neben mir legte.

Die Katze hat geschickt das Brot zur Seite geschoben und den Schinken mit größtem Vergnügen und leichtem Knurren verschlungen. Dann schmiegte sie sich schnurrend an mein Bein, streifte mit dem Kopf meine Hand und sah auf mein Sandwich. Daraufhin habe ich ihr den Schinken auf die Bank gelegt und auf dem Brot ohne Belag gekaut. Als die Katze mit ihrer „Beute“ fertig war (es war ja schließlich ehrlich erbeutet, auch wenn nicht frisch gejagt), sah sie mir in die Augen und sagte ganz deutlich „Danke dir.“

Keine Ahnung, was andere tun würden, wenn sie eine Katze sprechen hören.

Samstag, 14. März 2026

Erwachsenwerden ist nicht einfach, loslassen aber auch nicht


Bildquelle

Ein herrlicher Herbsttag neigte sich langsam dem Ende zu, die letzten Sonnenstrahlen streiften die bunten Blätter auf den Bäumen. Ein älterer Herr stand am Parkrand und schmunzelte, sein Golden Retriever tobte im raschelnden, herab gefallenen Laub. Der Mann behielt den Hund im Blick und ging zu einer Parkbank. Mit dem Alter konnte er nicht mehr so viel stehen. Auf der Bank saß jedoch bereits jemand.

- Ist hier noch frei? – fragte der Mann höflich und die Frau nickte.

Dienstag, 25. November 2025

Die weiße Leinwand

https://www.amazon.de/Blanko-Papierrollen-Kalligraphie-Hochzeitsgel%C3%BCbde-Einladungen-Renaissance-Festivals/dp/B0BBKK9VPF
Bildquelle

Hoch in den Bergen windet sich ein Pfad hinauf, auf dem zwei Männer mühsam und doch stetig voran kommen. Ihr Ziel ist ein kleines Kloster auf dem Gipfel, man sieht von weitem seine Turmspitze und hört auch immer wieder leise die Gebetsglocken erklingen.

- Glaubst du, der große Meister weiß alle Antworten? – fragt einer den anderen.

- Kommt wohl auf deine Fragen an, - schmunzelt der etwas ältere Mann. Er hat es sich zum Ziel gesetzt keine Ziele mehr zu setzen. Er genießt diesen Weg, er geht ihn ohne zu hoffen, dass er möglichst schnell ankommt. Er sucht nicht nach Antworten.

Schon bald erkennen die beiden bunte Fähnchen, die um den Torbogen flattern. Darunter steht ein hagerer Mann und schaut die Gäste freundlich an.

- Möge euch ein langes und glückliches Leben beschert sein, - begrüßt ihn der erste.

- Ich sehe das Licht in dir, - fügt der andere hinzu und verbeugt sich leicht vor dem Meister.

- Auch euch ein langes und glückliches Leben, - nickt der Meister.

- Ich sehe das Licht in euch. Ihr seid bestimmt müde vom langen Weg, - fügt er hinzu.

Während sie den Weg zu zwei kleinen Bänken mit einem Tisch entlang schreiten, zupft der jüngere Schüler den älteren am Ärmel.

- Hast du gehört? – flüstert er.

- Er sagte, er sieht das Licht in uns. In uns! Er denkt, ich bin auch erleuchtet!

Mittwoch, 4. Oktober 2023

Wo ist die Erwachsene?

Ich habe wie wir alle eine innere Bühne. Hinter der Bühne stehen alle meine Anteile. Je nachdem wer gerade das Rampenlicht genießt, agiere und reagiere ich eben anders.

Manchmal aber kann ich nur reagieren, denn da ist die Bühne prall gefüllt mit Darstellern. Im Grunde genommen ist es nur ein Anteil, aber er hat so viele Facetten, dass er sehr viel Raum einnimmt.

Da steht das innere Kind, das sich verlassen fühlt. Verlassen von allen. Keiner ist da, keiner steht einem zur Seite, keiner unterstützt. Dieses Kind steht mit gesenktem Kopf da, seine Arme hängen wie Seile am Körper entlang, sein Blick ist leer. Es ist erschöpft, denn es hat so oft nach Hilfe gerufen und keine bekommen. Es würde gerne weinen, aber nicht mal dafür hat es Kraft. Allein, ganz allein in dieser großen Welt.

Und neben diesem inneren Kind steht ein Mädchen, das die Schultern hochgezogen hat, als ob es versucht den Kopf zu verstecken. Ihre Arme halten ihren Oberkörper ganz fest umschlungen, ihr Blick springt von einem Punkt zum Anderen. Das Kind fühlt sich in Gefahr, es hat Angst, alles ist bedrohlich und hinter jeder Ecke könnte ein Monster sein.

Dienstag, 3. Oktober 2023

Das Mädchen mit dem leeren Herz

Es war einmal ein Mädchen, das mit einem großen Herz zur Welt kam. Die Herzen der Kinder sind immer groß, da sie viel Liebe vom Umfeld erhalten sollen und es soll ja alles Platz und Raum haben. Das Mädchen hatte aber ein besonders großes Herz, denn es hatte noch das Herz ihres Zwillings aufgenommen, der als Engel wieder gegangen ist.

Das Herz von dem Mädchen sollte zuerst von der bedingungslosen Liebe ihres Umfelds gefüllt werden. Sie wollte spüren, dass man sie liebt, egal wie ist und egal was wie macht. Dass man sie eben frei von Bedingungen liebt. Stattdessen hörte das Mädchen, wie die Eltern sich stritten, wie die Großeltern Druck auf die Eltern ausübten und wie die Geschwister vom Umfeld angeschnauzt wurden.

Das Herz von dem Mädchen wollte mit riesiger Freude gefüllt werden. Freude darüber, dass das Mädchen in dieser Welt angekommen ist. Willkommensgrüße wollte es hören. Stattdessen bekam es Sorgen und düstere Gedanken. Ob es gerade passend ist, dass es zur Welt kam? Ob es okay ist, dass es ein Mädchen war und kein Junge? Warum der Zwilling sich so schnell verabschiedet hatte?

Das Herz von dem Mädchen sehnte sich nach Wärme und Geborgenheit. Nach dem Gefühl der absoluten Sicherheit. „Ich halte dich, ich bin für dich da, ich wünsche dir Gutes.“ Solche Worte hätten dem Herz so gut getan. Stattdessen spürte es die Erschöpfung der Mutter und ihre Überforderung. Der Vater war nicht da, weder für das Mädchen als liebevoller Papa noch als verständnisvoller Ehemann für die Mutter. Vernachlässigung war für das kleine Mädchen alltäglich. Es schrie sich die Seele aus dem Leib und gefühlt eine Ewigkeit kam keiner, um zu schauen, was los war. Kinder haben ja kein Zeitgefühl.

Mittwoch, 19. Juli 2023

Kopf, Herz, Yoni

- Komm näher, komm an mein Feuer. Du bist doch hier, weil du Antworten suchst, - sprach die alte Hexe und die Frau näherte sich etwas unsicher dem hell brennenden Feuer.

- Setz dich und trink erst einmal einen Tee, - fuhr die Hexe fort. - Und während du deinen Tee trinkst, kannst du hier ankommen und dich umsehen. Man fühlt sich sich hier sicher und geborgen, nicht wahr?

Das alte Häuschen war sehr gepflegt und hatte seinen eigenen Charme. Kräuterbündel hingen in der Ecke und verbreiteten einen angenehmen Duft.

- Und nun fühle mal in deinen Körper hinein. Wir werden heute jemandem ganz viel Gehör schenken, nämlich deinem Kopf, deinem Herz und deiner Yoni. Du siehst verwirrt aus? Weißt du nicht, was eine Yoni ist? Das ist ein anderer Begriff für deine Vagina und Vulva. Ach, das wusstest du schon? Warum warst du dann verwundert?

- Wie soll ich mit meinem Kopf reden? Und mit meinem Herz? Und dann noch mit meinen Geschlechtsorganen?

- Ganz einfach. Wir werden ihnen fragen stellen und du wirst mir sagen, was sie antworten. Lass es uns einfach mal versuchen, ja?

Mittwoch, 17. März 2021

Wie kann man schmerzende Vergangenheit loslassen?

Im tiefen Wald, da wo das Licht spärlich durch die dichten Zweige auf den mit Moos bedeckten Boden fällt, fand ein seltsamer Kampf statt. Eine Frau stand mit dem Rücken zu einem alten Baum und versuchte sich von ihm loszureißen. Mal gelang es ihr besser, mal wieder schlechter. Eine nach Teer aussehende Masse ging vom Baumstamm zur Hinterseite der Frau und jedes Mal, wenn sie sich nach vorne bewegte, so dehnte sich die Masse und es gab Hoffnung zu entrinnen. Schweißtropfen liefen der Frau von der Stirn, doch sie kämpfte unermüdlich weiter. Ein Schritt nach vorne, dann noch einer, die Beine waren nun fast frei, es zogen sich nur noch ein paar dünne Fäden zu ihren Oberschenkeln.

Ein lauter Schrei durchzog das Dickicht des Waldes, als die Frau sich ruckartig nach vorne neigte. Es war, als ob man ihr die Haut vom Leibe reißen würde, so sehr tat es weh. Tränen schossen ihr aus den Augen, sie biss die Zähne fest zusammen und doch konnte sie den Widerstand nicht aufrecht halten und es zog sie wieder zum Baum zurück. Sie spürte, wie ihre Füße auf dem Moos glitten und konnte es nicht verhindern. Resigniert weinte sie versunken im Teer und spürte, wie ihr Körper immer tiefer eingesogen wurde. Als sie ihre Finger nicht mehr bewegen konnte, hörte sie auf einmal eine leise, raue Stimme:

- Ihr Menschen, ihr seid schon ein lustiges Völkchen.

Ah, da unten, am Boden, da stand ein Wesen, das der Frau nicht mal bis zum Knöchel gereicht hätte. Es war rundlich, hatte ein bodenlanges einfaches Kleid mit einer Schürze und eine rote, spitze Mütze an. Es kam ein wenig näher.